Alzheimer-Früherkennung bald durch Bluttest möglich? 

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer könnten künftig zur neuen Volkskrankheit avancieren. Fieberhaft suchen Wissenschaftler nach Mitteln und Wegen gegen das Vergessen.

Das Problem: Alzheimer verursacht erst dann Symptome, wenn bereits wichtige Teile des Gehirns geschädigt sind. Da können auch Medikamente keine Heilung mehr bringen. Jetzt scheint ein Wissenschaftlerteam aus Tübingen ein Verfahren gefunden zu haben, das Alzheimer bereits viele Jahre vor Eintreten der ersten Symptome diagnostizieren kann.

Morbus Alzheimer - Das Vergessen im Alter
Bei einer Alzheimererkrankung kann sich der Betroffene immer weniger auf sein Gedächtnis verlassen © freshidea – stock.adobe.com

Wenn die Welt entschwindet

Bei Alzheimer schrumpft das Gehirn förmlich. Nervenzellen sterben vermehrt ab – wir verlieren die kognitive Fähigkeit zum Denken und Erinnern. Die Welt entzieht sich mehr und mehr. Kein schöner Gedanke … Zwar gibt es bereits Methoden zur Früherkennung von Alzheimer – doch sind diese Untersuchungen aufgrund hoher Kosten und invasiver Diagnostik nicht massentauglich.

Ein Forscherteam des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Tübingen wurde jetzt offenbar fündig. Die Wissenschaftler entwickelten eine Früherkennungsmethode, die breitentauglich und leicht durchführbar ist. Ein simpler Bluttest könnte in Zukunft Aufschluss über Veränderungen im Gehirn geben, bevor Alzheimer sein zerstörerisches Werk vollziehen kann.

Der Screening-Test ist in der Lage, das „Neurofilament light chain“ (NfL) aufzuspüren. Es handelt sich dabei um einen Marker, der auf den Zerfall von Nervenzellen hinweist. Um die Zuverlässigkeit des Bluttests zu verifizieren, gaben die Tübinger Hirnforscher eine umfassende Langzeitstudie in Auftrag, die 405 Teilnehmer in 6 Ländern umfasste.

Testreihe mit genetisch vorbelasteten Kindern

Testpersonen waren Kinder von Alzheimerpatienten, bei denen ein Gendefekt für die Erkrankung verantwortlich ist. Diese Form von Alzheimer ist äußerst selten – eine genetische Vorbestimmung liegt nur bei 1 % der Erkrankten vor. Kinder, die diesen Gendefekt in sich tragen, haben ein hohes Risiko, schon in jungen Jahren an Alzheimer zu erkranken. Die Forscher wollten herausfinden, wie lange vor Auftauchen der ersten Symptome eine erhöhte Konzentration des verräterischen Markers nachgewiesen werden kann.

Marker sagen Ausbruch der Erkrankung vorher

Die Ergebnisse sind auf den ersten Blick wenig überraschend: Die Alzheimermarker konnten 6,8 Jahre vor Symptombeginn im Blut nachgewiesen werden – ein Wert, der auch bei anderen Früherkennungsmethoden bereits erreicht wurde. Dieser Zeitraum verlängerte sich jedoch erheblich, wenn die graduelle Zunahme von NfL-Konzentrationen zwischen mehreren Blutuntersuchungen berechnet und einbezogen wurde – hier betrug der Zeitraum erstaunliche 16,2 Jahre.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Denn noch gilt es zu beweisen, dass der Bluttest bei den restlichen 99 % der Alzheimerpatienten, bei denen die Erkrankung nicht genetisch bestimmt ist, ebenfalls greift. Doch die Forscher geben sich optimistisch. Sie sehen sogar Einsatzmöglichkeiten bei anderen Erkrankungen mit ähnlicher Pathophysiologie.

Denn NfL ist eine Substanz, die nicht nur bei Alzheimer, sondern auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, aber auch bei Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Traumata im Blut nachzuweisen ist. Der geplante Screeningtest könnte auch hier aussagekräftige Ergebnisse über den Grad der Hirnschädigung liefern.

Wichtiger Schritt im Kampf gegen Alzheimer

Der Bluttest könnte ein Meilenstein in der Bekämpfung von Morbus Alzheimer sein. Allerdings wurde bisher noch kein Medikament entwickelt, das die neurogenerative Erkrankung heilen könnte. Doch auch daran wird bereits unter Hochdruck geforscht. Möge es der Forschung gelingen, diese neue Geißel der Menschheit zu stoppen – möglichst bevor eine Welle des Vergessens unsere alternde Gesellschaft erfasst.


von Sonja Nickel. 20.02.2019


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