Burnout bei Ärzten nimmt alarmierende Ausmaße an

Das Burnout-Syndrom verorten die meisten Menschen eher bei vielbeschäftigten Managern. Dass jedoch auch eine Berufsgruppe schwer betroffen ist, die Erkrankungen eigentlich behandelt – das ist schwer vorstellbar. Schaut man jedoch auf das Arbeitspensum von Medizinern, sollte es nicht wundern.

Fast die Hälfte aller Ärzte ist von Burnout bedroht. Das mag zunächst überraschen. Doch genauer besehen ist es nur logische Konsequenz eines Gesundheitssystems, das Medizinern immer mehr abverlangt. Stetig steigender Leistungsdruck und immer härtere Arbeitsbedingungen führen zu permanenter Überforderung, die nicht ohne Folgen bleibt – auch für den Patienten. Was übrigens kein nationales Phänomen ist. Der Weltärztebund warnt gar vor einer wahren „Burnout-Pandemie„.

Burnout – wenn Seele und Körper in Streik treten

Burnout ist durch emotionale und geistige Erschöpfung charakterisiert, die sich auch in körperlichen Beschwerden niederschlägt. Betroffene berichten über ein Gefühl der Leere und der stetigen Überforderung. Sie verzeichnen zwischenmenschliche Entfremdung und den zunehmenden Verlust von Empathie für ihr Umfeld. All das gepaart mit einem schwindenden Selbstbewusstsein.

Eine mehr als brisante Mischung! Vor allem wenn man bedenkt, dass Ärzte bei Diagnosestellung und Therapie jeden Tag aufs Neue über Gesundheit und Wohlergehen ihrer Patienten entscheiden.

Arbeiten bis zur Erschöpfung

Im letzten Jahrzehnt ist der Druck auf Ärzte immens gewachsen. Das hat gleich mehrere Gründe. Nicht nur die Auswirkungen der Gesundheitsreform, sondern auch fortschreitende Privatisierung von Krankenhäusern sind wichtige Faktoren.

Kliniken werden – nüchtern betrachtet – zu gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen, die mit möglichst wenig Personal maximalen Profit erzielen müssen. Dies führt zwangsläufig zu einer höheren Arbeitsbelastung von Ärzten und Pflegekräften. Eng getaktete Operationen wie am Fließband sind in deutschen Kliniken längst gang und gäbe. Nicht selten stehen Chirurgen 24 Stunden am Operationstisch.

Burnout bei Medizinern
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Keine Zeit für den Patienten

Doch die hohe Arbeitsbelastung bekommen nicht nur Klinikärzte zu spüren. Auch in deutschen Praxen weht ein zunehmend kalter Wind – Ärzte müssen immer mehr Patienten in weniger Zeit behandeln. Da kommen menschliche Aspekte oft zu kurz.

Die Folge: Praktizierende Ärzte können der Verpflichtung gegenüber ihren Patienten nicht mehr in gewünschtem Maße nachkommen. Frustration und Resignation machen sich breit. Viele Mediziner sehen ihre Arbeit nicht mehr als sinnstiftend an. Hinzu kommt zunehmende Bürokratie, die überproportional viel Zeit in Anspruch.

Hohe Erwartungshaltung an Ärzte

Behandlungsbedürftige Menschen werden immer anspruchsvoller. Die Notaufnahmen von Krankenhäusern sind geflutet mit Patienten, die dort eigentlich gar nicht hingehören, aber sofortige Behandlung erwarten. Immer mehr Patienten lassen im Umgang mit Ärzten und Pflegepersonal den nötigen Respekt vermissen – hier ist jeder Einzelne gefragt, sein Verhalten auf den Prüfstand zu stellen. Ärzte leisten viel mehr, als medizinische Kenntnisse in Therapien umzusetzen. Mediziner brauchen Empathie und soziale Kompetenz, um ihre Arbeit gut zu machen. Was, wenn diese Fähigkeiten durch einen Burnout verloren gehen?

Nicht ohne Grund wird penibel auf die strenge Einhaltung der Arbeitszeiten von Piloten und Lokführern geachtet – warum also nicht bei Ärzten? Denn auch hier stehen Menschenleben auf dem Spiel. Überforderte, emotional erschöpfte Ärzte machen Fehler – und das kann keiner wollen. Es ist Zeit, Burnout bei Medizinern als Symptom für ein krankes Gesundheitssystem zu begreifen – und daraus Konsequenzen zu ziehen. Zwar gibt es Bestrebungen innerhalb der Ärzteschaft, daran etwas zu ändern. Doch hier ist nicht nur das Engagement der Ärzteschaft, sondern auch das Handeln des Gesetzgebers gefragt.

Nicht nur ein Problem der Ärzte

Burnout ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das jeden betreffen kann. Laut Statistik haben sich im letzten Jahrzehnt durch Burnout bedingte Fehltage verzehnfacht. Doch wundert es keinen, dass Menschen in sozialen Berufen besonders häufig von Burnout betroffen sind. Hier ist das Missverhältnis zwischen großem Engagement, hoher Arbeitsbelastung und geringer Wertschätzung am größten. Wir täten alle gut daran, diesen Berufen wieder einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert zuzumessen.

Was kann jeder selbst tun, um einem Burnout vorzubeugen? Vor allem mehr auf seine eigenen Bedürfnisse achten und versuchen, Dinge zu verändern, statt sie auszuhalten. Das ist einfacher gesagt als getan. Doch hilft es schon, ab und zu ein klares Nein über die Lippen zu bringen, statt stillschweigend eine Bürde weiterzutragen.


von Die Redaktion. 29.10.2018


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