Apparative Diagnostik

Im Wesentlichen wird die Diagnose einer psychischen Störung durch das psychiatrisch-psychotherapeutische Gespräch gestellt. Zur weiteren Diagnostik und insbesondere zum Ausschluss körperlicher Ursachen einer psychischen Symptomatik kommen jedoch zusätzlich apparative Verfahren zur Anwendung. Zu den Verfahren der apparativen Diagnostik gehören im Einzelnen:

  • das Elektrokardiogramm (EKG)
  • das Elektroenzephalogramm (EEG)
  • die Polysomnografie (PSG)
  • die Neurochemische Labordiagnostik
  • die Diagnostik mittels bildgebender Verfahren

Elektrokardiografie (EKG)

Mit dem Elektrokardiogramm (EKG) wird die Erregungs- und Leitfähigkeit des Herzens gemessen. Es gibt u.a. Auskunft über die Pulsgeschwindigkeit, den Rhythmus des Herzens, die Ausbreitung der elektrischen Signale im Herzen (Überleitung) und die Beschaffenheit des Herzmuskels. Im Rahmen der körperlichen Ausschlussdiagnostik gehört das EKG zu den Untersuchungen in der Psychiatrie, die immer vor Behandlungsbeginn durchgeführt werden sollten.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass eine Vielzahl von Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen am Herzen haben, so dass auch vor dem Beginn einer medikamentösen Therapie mit Psychopharmaka immer ein EKG abgeleitet werden sollte. Im Verlauf der Therapie müssen Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden. Insbesondere bei den folgenden Medikamenten ist mit EKG-Veränderungen zu rechnen: Trizyklische Antidepressiva, bestimmte neuere Neuroleptika sowie Lithium und Carbamazepin.

Elektroenzephalografie (EEG)

Das Elektroenzephalogramm (EEG) zeichnet an der Kopfoberfläche mittels mehrerer Elektroden (32 bis 128) elektrische Potentialschwankungen auf, die die Aktivität von Nervenzellverbänden im Gehirn wiederspiegeln. Neben der Ableitung eines Ruhe-EEGs können verschiedene Methoden zur Diagnostik eingesetzt werden, die über eine Steigerung des kortikalen Erregungsniveaus insbesondere der Provokation epileptischer Potentialschwankungen dienen. Zu diesen gehören:

  • Hyperventilation: Forcierte Mehratmung über 3 bis 5 Minuten mit ca. 25 tiefen Atemzügen pro Minute
  • Fotostimulation: Applikation hochfrequenter Flimmerreize
  • Schlafentzugs-EEG: Ableitung eines EEGs nach komplettem Schlafentzug

Seit der Entwicklung bildgebender Verfahren hat die Bedeutung des EEG gegenüber früher abgenommen. Dennoch spielt die Ableitung eines EEG in der Psychiatrie bei den folgenden Indikationen noch immer eine wichtige Rolle:

  • zur Erfassung von Epilepsien (Anfallserkrankungen), die mit typischen EEG-Veränderungen einhergehen
  • zur Diagnostik bestimmter anderer Hirnerkrankungen, die mit typischen EEG-Veränderungen einhergehen wie z.B. Jakob-Creutzfeldt-Erkrankung und bestimmte Gehirnentzündungen
  • zur Erfassung von EEG-Veränderungen unter einer medikamentösen Behandlung, wodurch eine erhöhte Gefahr von Nebenwirkungen/Krampfanfällen erfasst werden kann.

Polysomnografie (PSG)

Die Polysomnografie (PSG) wird in spezialisierten Zentren zur Diagnostik von Schlafstörungen eingesetzt. Dabei werden während des Schlafes gleichzeitig das EEG, das Elektrookulogramm (EOG, Erfassung der Augenbewegungen) und das Elektromyogramm (EMG, Erfassung der Muskelaktivität v.a. der Beine und der Kieferregion) aufgezeichnet. Darüber hinaus können auch periodische nächtliche Beinbewegungen mit Spezialableitungen erfasst werden (zur Diagnostik eines sogenannten Restless-legs-Syndroms.

Weitere spezialisierte Diagnoseverfahren sind die Messung nächtlicher Erektionen beim Mann und die Registrierung bestimmter atmungsphysiologischer Parameter. Anhand charakteristischer Veränderungen im EEG, EOG und EMG werden verschiedene Schlafstadien wie leichter Schlaf (Schlafstadien S 1-2), Tiefschlaf (Schlafstadien S 3-4) sowie Traumschlaf (REM) unterschieden. Bzgl. der Diagnostik von Schlafstörungen können mit Hilfe der PSG erfasst werden:

  • das objektive Ausmaß der Schlafstörung (das häufig vom subjektiven Empfinden des Patienten abweicht)
  • körperliche Ursachen von Schlafstörungen wir z.B. Schlaf-Apnoe-Syndrom, Restless-legs-Syndrom (Syndrom der unruhigen Beine) und Schlafattacken (Narkolepsie)

Neurochemische Labordiagnostik

Neben der ausführlichen Erhebung der körperlichen Vorgeschichte und Medikamentenanamnese sowie der körperlichen Untersuchung gehört die Labordiagnostik, bestehend aus Blut-, Harn- und ggf. Nervenwasseruntersuchung zu den zentralen Bausteinen der psychiatrischen Ausschluss- und Zusatzdiagnostik. Folgende Werte sollten bei jedem Patienten bestimmt werden (evtl. weitere je nach Verdachtsdiagnose bzw. Ergebnis der körperlichen Untersuchung):

  • Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit (BSG)
  • Blutbild incl. Differentialblutbild
  • Salze: v.a. Natrium, Kalium und Kalzium
  • Nierenfunktion: Kreatinin
  • Leberfunktion: GOT, GPT und Gamma-GT
  • Blutzucker
  • Schilddrüsenwerte (TSH)
  • Urinbefund

Neben einer möglichen Diagnostik körperlicher Erkrankungen dienen diese Parameter auch als Ausgangswert für Verlaufskontrollen unter der medikamentösen Therapie. Hier ist wichtig zu beachten, dass verschiedene Medikamente z.B. zu einer Absenkung der weißen Blutkörperchen, zu einem Anstieg der Leberwerte oder zu Veränderungen der Blutsalze (v.a. Natrium) führen können.

Bei Patientinnen im gebärfähigen Alter sollte vor medikamentöser Therapie ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden, um schädliche Auswirkungen insbesondere im ersten Drittel der Schwangerschaft zu verhindern. Viele psychische Störungen können durch die Einnahme von Drogen hervorgerufen werden. Daher ist der Ausschluss einer drogeninduzierten Störung wichtig. Mit den gängigen Drogenscreeningverfahren können in Blut oder Urin meist die folgenden Substanzen bestimmt werden: Alkohol, Amphetamine, Barbiturate, Benzodiazepine, Cannabis, Halluzinogene, Kokain, LSD und Opiate.

Nervenwasserdiagnostik

Bei einer Nervenwasser- oder Liquoruntersuchung werden im Bereich der Lendenwirbelsäule etwa 10 bis 20 ml Nervenwasser entnommen. Da in diesem Bereich keine Rückenmarksnerven zu erwarten sind, besteht im Allgemeinen kein Risiko einer Nervenverletzung. Eine Nervenwasseruntersuchung sollte insbesondere dann durchgeführt werden, wenn das ärztliche Gespräch, die ärztliche Untersuchung und die apparative Zusatzdiagnostik den Verdacht auf eine Gehirnentzündung ergibt.

Die Untersuchung geht in der Regel mit wenigen Nebenwirkungen einher, gelegentlich können Kopfschmerzen auftreten, die heute durch ausreichende Flüssigkeitszufuhr und sehr dünne Entnahme-Nadeln seltener geworden sind.

Bildgebende Verfahren

Bei den bildgebenden Verfahren unterscheidet man strukturelle und funktionelle Verfahren. Im Rahmen der neuroradiologischen Diagnostik werden folgende strukturellen Verfahren durchgeführt, die hauptsächlich zum Ausschluss von Gehirnerkrankungen als Ursache psychischer Erkrankungen dienen:

  • die Computertomografie (CT)
  • die Magnetresonanztomografie (MRT)

Im Rahmen der Nuklearmedizinischen Diagnostik werden folgende funktionelle Verfahren durchgeführt, die etwas über die Gehirnfunktion (z.B. Durchblutung oder Zuckerverwertung im Gehirn) aussagen:

  • Single Photon-Emissions-Computer-Tomografie (SPECT)
  • Positronen-Emissions-Tomografie (PET)

Bildgebende Verfahren: Strukturelle Verfahren (CT und MRT)

Bei jedem ersten Auftreten einer psychischen Erkrankung oder bei Verdacht auf das Vorliegen einer organischen psychischen Störung ist ein strukturelles bildgebendes Verfahren durchzuführen. In der Regel wird eine Computertomografie (CT) des Schädels durchgeführt, mit deren Hilfe insbesondere Tumoren, Blutungen, ältere Hirninfarkte, Abszesse, Fehlbildungen, Gehirnabbau und Knochenveränderungen nachgewiesen werden können. Durch die bessere Auflösung verschiedener Gewebe erlaubt die Kernspintomografie oder Magnetresonanztomografie (MRT) eine bessere Darstellung der Gehirnstrukturen, so dass die MRT zunehmend das CT in der Ausschlussdiagnostik psychischer Störungen verdrängt.

Insbesondere feinste Durchblutungsstörungen, entzündliche Erkrankungen und Prozesse wie bei der Multiplen Sklerose sowie bestimmte Tumoren und kleine Metastasen können besser mittels MRT erfasst werden. Da knochenbedingte Artefakte nicht auftreten, ist die MRT insbesondere an der Schädelbasis und der hinteren Schädelgrube dem CT überlegen. Bei der MRT stellt das Tragen eines Herzschrittmachers eine Kontraindikation dar, metallische Fremdkörper je nach Lage eine relative Kontraindikation. Die MRT geht im Gegensatz zum CT nicht mit einer Strahlenbelastung einher.

Bildgebende Verfahren: Funktionelle Verfahren (SPECT und PET)

Die funktionellen Verfahren dienen dem Nachweis physiologischer und pathophysiologischer Prozesse im Gehirn. Bei beiden Verfahren kommt es zu einer Strahlenbelastung (etwa so hoch wie bei einem CT), da radioaktiv markierte Substanzen gespritzt werden.

Single-Photon-Emissions-Computer-Tomografie (SPECT)

Die Single-Photon-Emissions-Computer-Tomografie (SPECT) ist ein nuklearmedizinisches bzw. szintigrafisches Verfahren, bei dem radioaktiv markierte Substanzen in die Vene gespritzt werden. Dabei kommen Stoffe wie z.B. Technetium-99m oder 123Jod zum Einsatz. Diese Gammastrahler werden dann an spezielle Trägersubstanzen gekoppelt, deren Gewebeverteilung bzw. Bindung an Rezeptoren mittels einer Gammakamera gemessen werden kann. Die Untersuchungsdauer liegt bei 20 bis 60 Minuten. Als Radiopharmaka werden beispielsweise eingesetzt:

  • Technetium-99m-HMPAO zur Durchblutungsmessung im Gehirn
  • 123Jod-IBZN zur Darstellung von Bindungsstellen des Botenstoffes Dopamin im Gehirn
  • 123Jod-Jomazenil zur Darstellung von Bindungsstellen von Benzodiazepinen

Die SPECT wird in der Routinediagnostik heute nur noch selten eingesetzt.

Positronen-Emissions-Tomografie (PET)

Bei der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) werden Gammaquanten aufgezeichnet, die durch den Zerfall von Positronenstrahlern ausgestrahlt werden. Folgende Positronenstrahler kommen zur Anwendung:

  • 15-Sauerstoff-markiertes Wasser zur Messung der Hirndurchblutung: 0-15-H2O-PET
  • 18-Fluordesoxyglukose zur Messung des Energiestoff- (Zucker-)wechsels: F-18-FDGPET
  • 18-Fluordopa zur Darstellung der Dopamin- Funktion: F-18-Fluordopa-PET

Die Positronen-Emissions-Tomografie wird klinisch am häufigsten zur erweiterten Diagnostik der Alzheimer-Demenz eingesetzt, bei der sich oft ein Minderverbrauch von Zucker im Schläfenlappen des Gehirns im F-18- DFG-PET zeigt. Auch bei Morbus Parkinson kommt es zur Anwendung, wo die Bindung von F 18-Fluordopa an die Dopamin-Bindungsstellen im Gehirn gemessen wird.

Autor:
Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Lieb

Diese Website benutzen Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren
Experten Finden   ▷
nothing