Psychologische Untersuchung


Die ärztliche psychologische Untersuchung ist von zentraler Bedeutung in der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Das Gespräch zwischen Arzt und Patient liefert die wichtigsten Informationen dazu, welche Art von psychischer Störung vorliegt.

Zu einer vollständigen ärztlichen psychologischen Untersuchung gehören:

  • Erhebung der aktuellen Krankengeschichte und der Vorgeschichte sowohl in Bezug auf psychische als auch körperliche Erkrankungen
  • Erhebung der Lebensgeschichte und des Vorkommens psychischer Erkrankungen in der Familie
  • Beschreibung des gegenwärtigen psychischen Zustandes des Patienten (=psychopathologischer Befund)
  • Körperliche Untersuchung und evtl. Anordnung weiterer Untersuchungen wie z.B. testpsychologische Zusatzuntersuchungen oder apparative Zusatzuntersuchungen wie EEG, Computertomogramm zum Ausschluss körperlicher Ursachen der psychischen Symptome

Frau beim Therapeuten
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Psychopatologischer Befund

Zu den wichtigsten psychopathologischen Symptomen gehören:

  • Desorientiertheit: Der Patient findet sich z.B. bezüglich Zeit, Ort oder Situation nicht zurecht. Vorkommen z.B. bei Demenzen oder im Delir
  • Gedächtnisstörungen: Vorkommen als Kurzzeitgedächtnisstörung z.B. bei Demenzen oder auch bei Depressionen
  • Konzentrationsstörungen: Vorkommen bei vielen psychischen Störungen
  • Formale Denkstörungen: Der Gedankenablauf ist gestört; z.B. Denkzerfahrenheit bei Schizophrenien, d.h. der Gedankengang ist völlig durcheinander und nicht mehr verständlich
  • Inhaltliche Denkstörungen: Der Inhalt ist gestört; z.B. Wahngedanken bei Schizophrenien, d.h. krankhaft falsche Überzeugungen über die Wirklichkeit wie z.B. die Überzeugung, vergiftet oder verfolgt zu werden, auch wenn es dafür objektiv gesehen keine Hinweise gibt
  • Wahrnehmungsstörungen (Halluzinationen): Der Patient sieht, hört, riecht oder schmeckt Dinge, die nicht da sind. Vorkommen typischerweise als Hören von Stimmen bei Schizophrenien
  • Ichstörungen: Dazu gehört die Überzeugung, dass die eigenen Gedanken entzogen werden, sich ausbreiten oder andere von außen eingegeben werden. Auch das Gefühl, von außen ferngesteuert zu werden gehört dazu (Fremdbeeinflussungserleben). Vorkommen typischerweise bei Schizophrenien
  • Affektive Symptome: Als Freudlosigkeit, Interessenverlust und erhöhte Erschöpfbarkeit bei Depressionen oder als gehobene (euphorische) oder gereizte Stimmung bei Manien
  • Ängste: Als situative Angst (Panikstörung, Phobien) oder ungerichtete Angst (generalisierte Angststörung)
  • Antriebsstörung: Hemmung oder Steigerung des Antriebes bestimmte Dinge zu tun. Vorkommen bei Depressionen bzw. Manien
  • Suizidalität: Gedanken, nicht mehr leben zu wollen oder Pläne, sich umzubringen. Vorkommen bei allen psychischen Störungen, am häufigsten bei Depressionen, Suchterkrankungen und Schizophrenien. Suizidale Äußerungen eines Patienten müssen immer sehr ernst genommen werden! Devisen wie „Wer vom Suizid redet, der tut es eh nicht“ o.ä. sind falsch – bei Suizidgedanken sind die Patienten immer schnellstmöglich einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder in einer psychiatrischen Fachklinik vorzustellen! Patienten, die suizidal sind, dürfen nie allein gelassen werden!

Bei der Beschreibung des gegenwärtigen psychischen Zustandes des Patienten ist zu beachten, dass nie ein einzelnes Symptom für sich prinzipiell krankhaft ist oder nur bei einer bestimmten Krankheit auftritt. Nur das Gesamtbild der Symptome zusammen mit den anderen Untersuchungsergebnissen kann zu einer Diagnose und dann zu einer entsprechenden Behandlung führen.

Gerade in der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie kommt der Schweigepflicht eine besondere Bedeutung zu. Psychische Symptome werden von der Bevölkerung häufig stigmatisiert (abgelehnt) und sind für die Patienten mit Schamgefühlen verbunden. Alle ärztlichen und anderen Mitarbeiter einer Klinik oder Praxis unterliegen der Schweigepflicht. Sie dürfen daher nur Informationen weitergeben, wenn der Patient dem ausdrücklich zugestimmt hat. Dies gilt auch gegenüber Angehörigen.

Arztsuche

Objektivierung von Befunden

Unter bestimmten Bedingungen kann es sinnvoll sein, die psychologische Untersuchung im Rahmen eines ärztlichen Gesprächs durch den Einsatz standardisierter Erhebungs- und Untersuchungsverfahren zu ergänzen. Und zwar:

  • um den Verdacht des Vorliegens einer psychischen Störung zu objektivieren. Dazu gehören z.B. standardisierte Interviews, deren Resultate nach vorgegebenen Kriterien ausgewertet werden können (z.B. das „Statistische Klinische Interview nach dem amerikanischen Diagnosesystem DSM-IV“, SKID)
  • um den Schweregrad von Störungen zu ermitteln. Für fast alle Erkrankungen gibt es solche Fragebögen, z.B. das „Beck Depressions-Inventar (BDI)“, das den Ausprägungsgrad der Depressivität ermittelt
  • um die Beeinträchtigungen noch genauer zu beschreiben. Dazu gehören z.B. Fragebögen, die ein weites Spektrum verschiedener Symptome erfragen, um sich ein Gesamtbild zu machen (z.B. die „Symptom Check Liste“ mit 90 Fragen, SCL-90).

Bei allen Erhebungsverfahren unterscheidet man Fremdbeurteilungsverfahren (die also der Untersucher ausfüllt) und Selbstbeurteilungsverfahren (die der Patient selbst ausfüllt). In fast allen Kliniken werden solche Fragebögen von den Patienten zu Beginn und am Ende der Behandlung ausgefüllt. Dies ist wichtig, um den Therapieverlauf besser abbilden zu können und Maßnahmen der Verbesserung einleiten zu können.

Testpsychologische Zusatzuntersuchungen

Die testpsychologische Diagnostik dient meist der Analyse bestimmter Leistungsaspekte psychischer Funktionen wie Wahrnehmung, Konzentration, Merkfähigkeit oder Motorik.

Am häufigsten wird die testpsychologische Diagnostik in der Psychiatrie zur Messung der Intelligenz (meist mit dem Hamburg-Wechsler-Intelligenz-Test für Erwachsene, HAWIE) und zur Beurteilung von Konzentration und Aufmerksamkeit (z.B. mit dem Konzentrations-Leistungs-Test oder dem d2-Aufmerksamkeitsbelastungs-Test) eingesetzt.

Die testpsychologischen Untersuchungen können aber auch bzgl. bestimmter weiterer psychischer Symptome ausgeweitet werden. Im Durchschnitt dauert die Zusatzuntersuchung ca. eine Stunde.

Autor:
Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Lieb