Münchhausen-Syndrom

Betroffene des Münchhausen-Syndroms (auch artifizielle Störung bezeichnet) provozieren – teilweise durch selbstverletzendes Verhalten – künstlich körperliche und/oder psychische Krankheitssymptome, täuschen diese vor oder stellen sie schlimmer dar, als sie sind. Auf diese Weise wollen sie nach der Aufnahme in ein Krankenhaus eine medizinische Behandlung oder sogar Operation zu erreichen. Zweck ist dabei, Aufmerksamkeit und Mitleid im eigenen sozialen Umkreis, aber auch bei Medizinern zu erregen und sich behandelt zu wissen.

Diese psychische Störung erhielt ihren Namen in Anlehnung an den „Lügenbaron“ Münchhausen, der für seine dreisten, erfundenen Geschichten bekannt ist.

Münchhausen-AWille
Baron von Münchhausen bei seinem Ritt auf einer Kanonenkugel

Charakteristika und Symptome des Münchhausen-Syndroms

Problematisch ist zum einen das Erkennen dieser psychischen Störung, da die Betroffenen sich nicht beeinträchtigt fühlen. Sie wechseln den Arzt oder das Krankenhaus, sobald eine psychische Störung vermutet wird.

Zum anderen bringen sie sich in Gefahr, indem sie zu selbstverletzenden Maßnahmen greifen, um bestimmte Symptome hervorzurufen, dazu gehören auch Vergiftungen oder Verätzungen. Weiterhin bestehen realistische Chancen, dass diese Patienten tatsächlich – unnötig – operiert werden und dabei gesundheitliche Schäden erleiden.

Artifizielle Störungen können in jedem medizinischen Fachgebiet mit vielfältigen Symptomen vorkommen. Beim Münchhausen-Syndrom treten häufig die folgenden Symptome auf:

  • Unklares Fieber
  • Unklare anämische Zustände
  • Unklare hyperglykämische Zustände
  • Rezidivierende Wundheilungsstörungen und Abszesse
  • Rezidivierende unklare Harnwegsinfekte u.v.m.

Bei vielfältigen invasiven Maßnahmen, unklaren rezidivierenden Symptomen, wiederholten Wundheilungsstörungen und Abszessen sollte man immer auch eine artifizielle Störung in Betracht ziehen. Wichtig ist auch die Fremdanamnese, wobei häufig Familienmitglieder in die Verleugnung der Selbstschädigung einbezogen sind.

Klassifizierung der artifiziellen Störung

Die artifizielle Störung wird nach ICD-10 den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zugeordnet und unter F 68.1 klassifiziert. Es liegt häufig Komorbidität mit Persönlichkeitsstörungen, dissoziativen Störungen, Essstörungen und Suchtmittelmissbrauch vor. Auch schwere Somatisierungsstörungen können vorkommen.

Behandlung des Münchhausen-Syndroms

Ein besonderes Problem beim Münchhausen-Syndrom ist die pathologische Arzt-Patient-Interaktion. Ärzte verleugnen lange Zeit gewissermaßen gemeinsam mit dem Patienten die Selbstschädigung und geraten in einen komplexen Konflikt aufgrund verinnerlichter berufsethischer Normen, unbewusster Manipulation durch die Patienten und unbewusst motiviertem professionellen Handeln.

Eine durchgeführte medizinische Behandlung kann für Ärzte ebenfalls ein Nachspiel haben, da sie sich zu „Mittätern“ bei Selbstverletzungen machen und auf dieser Grundlage unter Umständen eine Klage riskieren.

In schweren Fällen kommen nur psychodynamische oder kognitiv-behaviorale Therapien, insbesondere auch im stationären Rahmen, in Frage.

Autor:
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren
Experten Finden   ▷
nothing