Somatopsychische Störung

Eine somatopsychische Störung entsteht als Reaktion auf schwere und/oder chronische körperliche Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs oder Diabetes mellitus. Betroffene leiden dabei aufgrund der psychischen und sozialen Belastung, der sie durch körperliche Erkrankungen ausgesetzt sind, unter psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen oder Angststörungen. Eine somatopsychische Störung wird daher auch als Krankheitsverarbeitungsstörung bezeichnet.

Was ist eine somatopsychische Störung?

Somatopsychische Störungen, das sind Krankheitsverarbeitungsstörungen, z.B. bei Krebserkrankungen, Transplantationen, Dialyse sowie bei chronischen somatischen Erkrankungen. Bei den auslösenden chronischen Krankheiten kann es sich um eine Vielzahl von Erkrankungen handeln, z.B. vaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus, chronische Hauterkrankungen oder rheumatische Erkrankungen. Eine somatopsychische Störung wird dabei in der Regel verschlüsselt nach F-Diagnosen plus einer somatischen Diagnose. Die F-Diagnosen sind beispielsweise F 33 (Rezidivierende depressive Störung), F 34 (Anhaltende affektive Störungen), F 40-41 (Angststörungen) oder F 42 (Zwangsstörung).

Zur Erkrankung des Körpers kommt häufig noch eine psychsiche Erkrankung

Bewältigungsanforderungen bei chronischen Erkrankungen

Chronische Erkrankungen stellen den Betroffenen vor vielfältige psychische und soziale Herausforderungen:

  • Emotionale Bewältigung der inneren und äußeren Bedrohung und der damit in Verbindung stehenden Gefühle
  • Verunsicherungen hinsichtlich seiner sozialen Rolle und Aufgabe (Veränderung der Beziehung zur Familie, Freunden und des Arbeitslebens)
  • Medizinische Anpassungsforderung, Beziehung mit dem Medizinpersonal, neue Umgebung bei Hospitalisierung, Auswirkung der Therapie
  • Selbstintegrität und Wohlbefinden müssen wieder erarbeitet oder so gut wie möglich erhalten werden
  • Ein verändertes neues Selbstbild mit ungewisser Zukunft hinsichtlich des Krankheitsverlaufes muss erarbeitet werden

Psychische Folgen einer chronischen Erkrankung

Die innerpsychischen Folgen einer chronischen Erkrankung können sein:

  • Narzisstische Kränkung (Angst, Scham, Depression) – „Ich (mein Körper) bin nichts mehr wert“
  • Angst vor Beziehungsverlust (Angst, Depression, Schuldgefühle) – „Ich verliere meinen Beruf, meine Freunde, meinen Partner“
  • Verleugnungsarbeit (Schweregrad der Erkrankung) – „So schlimm ist es nicht“ – Abhängigkeit von Bezugspersonen – „Ich kann alleine – ich brauche andere“
  • Verarbeitung von Wut und Enttäuschung – „Warum ich“ –„Ich muss mich beherrschen, sonst verprelle ich andere“

Bei einem Teil der Patienten tritt neben den Einschränkungen durch die körperlichen Erkrankungen zudem ein Trauerprozess auf. Bei einem weiteren Teil der Patienten treten auch seelische Störungen, insbesondere depressive Störungen und Angststörungen (Anpassungsstörungen, reaktive Depression) auf.

Differentialdiagnose und Therapie depressiver Störungen bei körperlich Kranken

  • Symptome, die ursächlich auf die körperliche Erkrankung zurückgehen, z.B. Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit, Kraftlosigkeit müssen von depressiven Symptomen (cave: Fehldiagnose!) abgegrenzt werden
  • Depressive Störungen sind Folge der organischen Erkrankung/Behandlung (Durchgangssyndrome, Cortisonbehandlung usw.) – wenn möglich, ursächliche Behandlung, psychopharmakologische Behandlung, ärztlich-stützende Gespräche
  • Depression als Reaktion auf die Erkrankung (Anpassungsstörung) – ärztliche Psychotherapie bis zur Fachpsychotherapie
  • Depressive Störungen, die bereits vor der Erkrankung bestanden oder wieder ausgelöst wurden – je nach Schwere ärztliche Psychotherapie, Fachpsychotherapie, psychopharmakologische Behandlung
  • Multikausale Störung: Brain, Drug and Mind – z.B. HIV-Patient mit zentralnervösem Befall, eingreifender Medikation und seelischer Reaktion auf die Erkrankung
  • Missbrauch von Suchtstoffen und Medikamenten, um den körperlichen und seelischen Auswirkungen der Erkrankung zu entfliehen (z.B. Benzodiazepine) – Entzug- und Entwöhnungstherapie, Fachpsychotherapie

Als Therapie kommt eine Unterstützung der Krankheitsverarbeitung in Frage, z.B. durch:

  • Information und ärztliches Gespräch
  • Selbsthilfegruppen
  • soziale Betreuung
  • Gruppentherapie mit Bewältigungstraining
  • Stützende Psychotherapien
  • Bei seelischen Störungen durch psychodynamische Psychotherapien und Verhaltenstherapien

Beispiel: Krankheitsverarbeitung bei einer Krebserkrankung

Als Beispiel für eine somatopsychische Störung sei die Verarbeitung bei Krebserkrankungen aufgeführt. An Krebs zu erkranken bedeutet für die Betroffenen und Angehörigen zumeist eine existentielle Lebenskrise. Das subjektive Krankheitserleben ist dabei geprägt von

  • Todesdrohung
  • Ungewissheit des Verlaufes
  • Verlust von Organen, Körperteilen und Funktionen
  • eingreifenden Behandlungsmaßnahmen, die einerseits helfen und heilen, andererseits verstümmeln, vergiften, verstrahlen oder verbrennen

Durch die erzielten Behandlungserfolge bei Krebs ist jedoch inzwischen die Krankheitsbewältigung der Betroffenen und ihrer Angehörigen, d.h. die subjektive Realitätsanpassung und die aktive Auseinandersetzung damit sowie die Kooperation mit professionellen Helfern besonders gefordert.

Bei malignen Krebserkrankungen finden sich in fast 50 Prozent der Fälle zusätzlich psychosomatische Erkrankungen, die sich in der Regel in Krisenreaktionen, Depressionen, Anpassungsstörungen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen äußern. Eine „Krebspersönlichkeit“ konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden. Die vorgenannten Persönlichkeitsfaktoren sind für die Krankheitsbewältigung, die Bereitschaft zur Mitarbeit sowie die Sekundärprävention relevant. Für die psychotherapeutische Behandlung gelten dieselben Leitlinien wie für die bevorstehend angegebenen chronischen Erkrankungen.

Autor:
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen

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