F 40-41: Angststörungen


Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. So leiden rund 15 Prozent aller Menschen irgendwann im Leben an einer Angststörung. Betroffene haben dabei eine übertriebene unspezifische Angst oder eine konkrete Phobie vor einem bestimmten Objekt bzw. einer bestimmten Situation. Die soziale Phobie gehört dabei zu den am häufigsten auftretenden Angststörungen.

Was sind Angststörungen und welche Angststörungen gibt es?

Angst wird dann zur Störung, wenn sie immer wieder in Situationen auftritt, die real keine Gefahr oder Bedrohung darstellen, ohne dass eine körperliche Ursache für die Ängste vorliegt (z.B. Schilddrüsenfehlfunktionen oder Herzerkrankungen).

Dabei unterscheidet man je nach der Situation, in der die Angst auftritt, die sog. Agoraphobie (Angst vor Plätzen), die soziale Phobie (Angst in Situationen mit anderen Menschen) sowie spezifische Phobien (Angst vor ganz bestimmten Situationen oder Objekten, z.B. Flugangst, Hundeangst, Spinnenangst etc.).

Angststörungen
© Photographee.eu / Fotolia

Darüber hinaus gibt es Angststörungen, bei denen Angst ohne diese Koppelung an bestimmte „Auslöser“ auftritt, entweder in Form von attackenartigen Anfällen (Panikstörung) oder als permanente Sorgen und Ängstlichkeit (generalisierte Angststörung). Viele Angststörungen führen zu einer enormen Einschränkung von Lebensqualität und Leistungsfähigkeit, da angstbesetzte Situationen vermieden werden, so dass z.B. Menschen mit sozialer Phobie kaum unter Leute gehen und wenig Neues ausprobieren können.

Klassifikation von Angststörungen nach ICD-10

Die Angststörungen gliedern sich in mehrere Krankheitsbilder:

  • Agoraphobie (F 40.0): Auftreten von Angstanfällen, auch Vermeidungsverhalten bei Entfernung von sicheren Orten (meist von zu Hause). In besonderen Situationen wie Kaufhäusern, Kinos, Restaurants, Autofahren, Höhen usw. Die Angst ist situationsspezifisch
  • Soziale Phobien (F 40.1.): Starke unangemessene Angst in Situationen, die mit anderen Menschen zu tun haben, bzw. das angstbedingte Vermeiden solcher Situationen. Im Vordergrund steht die Angst, sich zu blamieren, zu versagen oder unangenehm aufzufallen. Vegetative Reaktionen begleiten diese Ängste wie Schwitzen, Tremor, Erröten
  • Spezifische Phobien (F 40.2): Angstauslösende Objekte sind z.B. Hunde, Katzen, Spinnen, Mäuse oder spezifische Situationen wie Höhe, geschlossenen Räumen, Fliegen oder auch der Anblick von Blut, Blutabnahme oder Spritzen
  • Panikstörungen (F 41.0): Akute Angstanfälle in zeitlich begrenzten Episoden, häufig mit körperlichen Symptomen wie Herzklopfen, Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Benommenheit, Schwitzen sowie Druck oder Engegefühl in der Brust
  • Generalisierte Angststörung (F 41.1): Ein längeres Anhalten von Ängsten über 6 Monate, die sich auf verschiedene Lebensbereiche beziehen und von den Betroffenen nur schwer kontrolliert werden können. Die Sorgen nehmen deshalb häufig den großen Teil des Tages ein und führen zur Anspannung, Schlafstörung, Konzentrationsstörung und anderen Symptomen.

Arztsuche

Wie verlaufen Angststörungen?

Wenn sie nicht behandelt werden, verlaufen Angststörungen oft chronisch. Häufig gesellen sich Depressionen oder – aufgrund der häufigen Behandlung mit suchterzeugenden Beruhigungsmitteln – Suchtstörungen dazu. Krankhafte Ängste treten oft in Stresssituationen aller Art auf. Dabei sind die Betroffenen typischerweise von ihrer Persönlichkeit her eher ängstliche Menschen, häufig auch mit einem ängstlichen Elternteil als „Lernmodell“. Die Ängste verfestigen sich insbesondere dann zur Störung, wenn die Betroffenen beginnen, alle angstbesetzten Situationen zu vermeiden und ihre Aufmerksamkeit verstärkt nach innen richten.

Wie sieht die Behandlung von Angststörungen aus?

Die meisten Angststörungen lassen sich gut mit ambulanter Verhaltenstherapie behandeln, in der zunächst nach einem Erklärungsmodell für die Angst gesucht wird. Danach ist ein wichtiges Ziel, dass sich die Betroffenen mit angstauslösenden Situationen konfrontieren, d.h. genau die Situationen aufsuchen, die normalerweise aufgrund der Ängste vermieden werden (z.B. Menschenmassen, hohe Türme, soziale Situationen). Erfahrungsgemäß lässt sich die Angst auf diese Weise gut abbauen.

Daneben müssen die Betroffenen häufig lernen, Belastungen besser zu erkennen und ihren Stress zu reduzieren.

Panikstörung und Agoraphobie

Von einer Panikstörung wird gesprochen, wenn wiederholt anfallsartige Angstzustände (Panikattacken) auftreten, die sich nicht auf spezifische Objekte (z.B. Situationen oder bestimmte Tiere) beziehen. Während einzelne Panikattacken noch nicht als „Panikstörung“ gelten, ist die Diagnose dann gerechtfertigt, wenn die Panik zu Leid bei den Betroffenen führt und sie in ihrer Lebensführung beeinträchtigt.

Symptome einer Panikstörung

Für den Betroffenen kommen die Panikattacken zumindest am Anfang wie aus heiterem Himmel. Sie äußern sich in teilweise dramatischen Symptomen wie Herzrasen, Schwindel, Schwächegefühl, Atemnot, Schweißausbrüchen oder Durchfall und dementsprechend massiven Ängsten, z.B. einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, ohnmächtig zu werden oder verrückt zu werden. Diese Symptome werden häufig dadurch verstärkt, dass die Betroffenen hyperventilieren, d.h. sehr schnell atmen und dadurch zu viel Sauerstoff zu sich nehmen, ohne dies allerdings zu merken. Meistens werden die Situationen, in denen Panikattacken auftreten, fluchtartig verlassen. Panikattacken dauern unterschiedlich lange, meist jedoch nicht länger als 30 Minuten.

Von einer Agoraphobie spricht man, wenn die Betroffenen aufgrund der Panikattacken bzw. der Befürchtung solche könnten auftreten, bestimmte Orte, typischerweise Kaufhäuser, Kinos, öffentliche Verkehrsmittel, belebte Plätze u.ä. meiden. Die Betroffenen haben nahezu ständige Angst vor neuen Panikattacken (Erwartungsangst). Durch ihre Problematik werden sie in ihrer Leistungsfähigkeit und Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt, obwohl ihnen die Irrationalität ihrer Angst völlig klar ist.

Angst vor Menschenmengen und großen Plätzen: Agoraphobie
© psdesign1 / Fotolia

Häufigkeit von Panikstörungen

Während ca. 15 bis 30 Prozent aller Menschen mindestens einmal im Leben eine Panikattacke erleiden, entwickeln nur ca. 3 Prozent auch eine Panikstörung, wobei etwa doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen sind. Sie beginnt meist im jungen Erwachsenenalter.

Behandlung von Panikstörungen

Panikstörungen werden am erfolgreichsten mit verhaltenstherapeutischer Psychotherapie behandelt. Dabei ist es unerlässlich, dass sich der Patient mit den Situationen konfrontiert, in denen bisher Panikattacken ausgelöst wurden und die deshalb vermieden wurden.

Es ist zu beachten, dass viele Betroffene durch die Panikattacken auch Unterstützung und Entlastung erfahren – z.B. gehen Angehörige für sie einkaufen, sie werden häufiger von ihrem Partner begleitet, etc. In solchen Fällen kommt es immer wieder vor, dass es den Betroffenen extrem schwerfällt, Unterstützung und Entlastung direkt einzufordern, oder dass Beziehungen bestehen, in denen die Panikpatienten in irgendeiner Form „nicht zu ihrem Recht kommen“. Solche Probleme müssen in der Therapie mitbearbeitet werden.

Auch Medikamente, v.a. die serotonerg wirkenden Antidepressiva (sog. SSRI, s. Kap. 13), können zur Behandlung von Panikstörungen eingesetzt werden. Wegen ihres hohen Abhängigkeitsrisikos sollten Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine (z.B. Tavor®) nur vorübergehend für einen kurzen Zeitraum gegeben werden.

Arztsuche

Fallbeispiel: Panikstörung

Eine 35-jährige Frau, berufstätig, verheiratet, Mutter eines Sohnes, wird von ihrem Hausarzt in eine verhaltenstherapeutische Ambulanz geschickt, nachdem gründliche und wiederholte organische Abklärungen keinerlei Hinweis auf eine körperliche Erkrankung ergeben haben. Sie leidet seit zwei Jahren an wiederkehrenden überwältigenden Gefühlen von Todesangst und Panik. Das erste Mal sei dies aufgetreten, als sie ihren Onkel, der völlig überraschend einen Herzinfarkt erlitten hatte, auf der Intensivstation besucht habe. Sie sei sehr nervös gewesen, habe länger vor der Station warten müssen, in dieser Zeit zwei Tassen Kaffee getrunken. Als sie endlich vor ihrem Onkel gestanden habe, der völlig leblos dagelegen habe, habe sie schreckliche Angst bekommen. Zudem hat sie das Gefühl gehabt, gleich ohnmächtig zu werden, so dass sie die Station rasch wieder verlassen musste.

Seitdem trete die Angst immer im Zusammenhang mit Kontakt mit der Familie des Onkels auf, zusätzlich auch in Arztpraxen und Krankenhäusern, seit ein paar Monaten auch in der Stadt, in Kaufhäusern und an Plätzen mit vielen Menschen. Mittlerweile könne sie nicht mehr mit ihrem Sohn alleine zum Arzt und kaum noch alleine einkaufen gehen.

Mit der Patientin wird erarbeitet, dass Panikattacken zwar äußert unangenehm, aber nicht gefährlich sind. Sie beginnt, anfangs mit therapeutischer Begleitung, gezielt Situationen aufzusuchen, in denen sie Panik erlebt, und stellt fest, dass die eingangs massiven Panikattacken mit jeder Übung geringer werden. Nach 9 Monaten ist die Patientin in ihrer Lebensführung wieder völlig unbeeinträchtigt und erlebt nur noch leichte Anflüge von Panik.

Soziale Phobie

Bei der sozialen Phobie ist das Hauptproblem Angst vor und Vermeidung von „öffentlichen“ Situationen, z.B. Essen mit anderen, Referate halten, Teilnahmen an privaten oder beruflichen Veranstaltungen oder Festen. Dabei haben die Betroffenen v.a. davor Angst, sich zu blamieren oder von anderen negativ bewertet zu werden. Neben typischen Angstsymptomen wie bei der Panikattacke treten in den gefürchteten Situationen häufig Erröten oder Zittern auf. Man spricht dann von einer sozialen Phobie (und nicht mehr von „normaler“ Schüchternheit), wenn die Betroffenen sich solchen Situationen gar nicht mehr aussetzen oder sie nur unter massiver Angst überstehen.

Soziale Phobien sind sehr häufig. Rund 13 Prozent aller Menschen sind davon betroffen, Frauen etwas häufiger als Männer. Sie beginnt meist schon in der Schulzeit. Betroffen sind besonders Personen, die schon immer zu starken Selbstzweifeln neigten, gleichzeitig hohe Ansprüche an sich stellen und stark darauf achten, was in ihrem Inneren vorgeht („erhöhte Selbstaufmerksamkeit“).

In der Behandlung, die wie bei allen Angststörungen v.a. verhaltenstherapeutisch erfolgen sollte, steht neben der Konfrontation mit angstauslösenden Situationen auch das sog. Training sozialer Kompetenzen (z.B. sich durchsetzen lernen, nein sagen lernen, eigene Fehler akzeptieren lernen) im Vordergrund. Optimal ist die Therapie in einer Gruppe, da sich die Patienten hier einerseits gegenseitig unterstützen können. Andererseits sind sie in der Gruppe automatisch mit einer ihrer gefürchteten Situationen konfrontiert.

Betroffene hassen es, im Mittelpunkt zu stehen
© blobbotronic / Fotolia

Spezifische Phobien

Eine spezifische Phobie liegt vor, wenn der Betroffene Angst vor einem bestimmten Objekt (z.B. Spinne, Insekten, Hunde) oder Situation (z.B. enger Aufzug, Gewitter, Fliegen, Zahnarztbesuch) hat. Als Störung wird eine solche Angst nur definiert, wenn sie den Betroffenen in seiner Alltagsbewältigung einschränkt (z.B. Flugangst bei einer Geschäftsreisenden). Solche einschränkenden Phobien können sehr gut durch Konfrontation mit der gefürchteten Situation behandelt werden.

Generalisierte Angststörung

Menschen mit generalisierter Angststörung grübeln sehr viel sorgenvoll und ängstlich über alltägliche Angelegenheiten, wie ihr Wohlergehen und das und ihrer Familie, ohne dass tatsächlich Anlass zur Sorge besteht. Dadurch sind sie dauernd ängstlich angespannt und können diesen Zustand kaum von sich aus beenden. Von einer Störung wird erst dann gesprochen, wenn die Symptomatik seit mehr als einem halben Jahr besteht.

Arztsuche

Betroffene begeben sich meist nicht direkt in psychotherapeutische Behandlung, sondern konsultieren immer wieder Haus- u.a. Körperärzte wegen vermuteter körperlicher Krankheiten. Betroffen sind ca. 5 Prozent aller Menschen, Frauen häufiger als Männer. Die generalisierte Angststörung beginnt meist in Jugend oder frühem Erwachsenenalter.

Psychotherapeutisch ist bei einer generalisierten Angststörung v.a. eine sog. kognitive Therapie angezeigt, in der die Betroffenen lernen, dass ihre Grübeleien und Sorgen einseitig schwarzmalerisch sind, gezielt den Einsatz anderer Gedanken üben und zusätzlich bessere Problemlösestrategien sowie Angstbewältigungsstrategien wie Ablenkung oder regelmäßiges Entspannungstraining erwerben. Diese Therapie ist allerdings weniger erfolgreich als die Konfrontationstherapie bei spezifischeren Ängsten.

Autoren:
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen
Dr. Gitta Jacob