F 44: Dissoziative Störungen


Unter dem Begriff dissoziative Störungen oder auch Konversionsstörungen versteht man Störungen

  • der Bewegung
  • der Wahrnehmung
  • der Identität
  • des Gedächtnisses
  • des Bewusstseins

Früher wurden diese Störungen als Hysterie bezeichnet. Es handelt sich um Störungen einer körperlichen Funktion (Sensibilität, Sensorik und Motorik), die nicht den Konzepten der Anatomie und Physiologie des zentralen oder peripheren Nervensystems entspricht. Zunächst kann man aber an eine neurologische („pseudoneurologische“) oder andere somatische Erkrankungen denken.

Die Behandlungsmethode der Wahl ist eine psychodynamische bzw. psychoanalytische Psychotherapie. In schweren Fällen ist auch eine stationäre Behandlung indiziert.

Psychische Störungen wirken sich auf den Körper aus
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Definition: Dissoziative Störungen

Dissoziative Störungen beginnen häufig im Zusammenhang mit einem belastenden Ereignis wie vorangegangenen Konflikt- und Belastungssituationen. Dieser Zusammenhang kann für Außenstehende sehr deutlich sein, wird von den Betroffenen jedoch typischerweise verneint.

Die meisten Konversionsstörungen treten akut und vorübergehend auf und remittieren (nachlassen) schnell. Sie können also plötzlich auftreten und nach einigen Wochen oder Monaten ebenso plötzlich wieder verschwinden. Wenn sie länger als zwei Jahre anhalten, ist der unbehandelte Verlauf oft chronisch.

Bei den Betroffenen treten häufig gleichzeitig andere Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen oder somatoforme Störungen auf.

Die Häufigkeit dissoziativer Störungen ist nicht sehr klar, da die Patienten häufig als körperlich krank betrachtet und jahrelang entsprechend somatisch (am Körper) behandelt werden. Insgesamt sollen zwischen 0,5 und 4,5 Prozent aller Menschen betroffen sein, Frauen dreimal so häufig wie Männer.

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Durch welche Symptome äußern sich dissoziative Störungen?

Bei dissoziativen Störungen werden Gedächtnisinhalte, Körperwahrnehmungen oder Bewegungen vom normalen Bewusstsein abgespalten und stehen nicht mehr unter der Kontrolle des Betroffenen. Das kann sich bei körperlichen Funktionen in Form von lähmungs- oder krampfartigen Erscheinungen zeigen, ohne dass organische Auffälligkeiten vorliegen.

Bei dissoziativem Gedächtnisverlust z.B. können sich die Betroffenen an bestimmte Ereignisse, an denen sie aktiv beteiligt waren, nicht mehr erinnern.

Dissoziative Krampfanfälle zeigen sich in Form von Symptomen eines epileptischen Anfalls, ohne dass sich im Gehirn Krampfaktivität nachweisen lässt.

Infolge dissoziativer Lähmungen können Patienten z.B. nicht mehr gehen, obwohl sich keine körperliche Ursache dafür nachweisen lässt.

Zu den dissoziativen Störungen zählt auch die dissoziative Identitätsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung, deren Häufigkeit relativ unklar ist. Ihr Hauptmerkmal ist die Aufspaltung des Ichs in zwei oder mehr unterschiedliche „Identitäten“, die als völlig voneinander getrennt erscheinen können. Für die Entstehung dieser dissoziativen Störungen sollen extrem schwere Kindheitstraumata verantwortlich sein. Wissenschaftlich ist diese Störung wenig untersucht.

Dissoziative Störungen des Bewusstseins umfassen die Begriffe:

  • Dissoziative Amnesie: Rezidivierende (wiederkehrende) oder einmalig auftretende Erinnerungslücken an bestimmte Lebensereignisse oder Lebensphasen. Die Amnesie bezieht sich häufig auf traumatische anderweitige belastende oder konflikthafte Lebenssituationen
  • Dissoziative Fugue (krankhafter Wandertrieb): Plötzliches und unerwartetes Entfernen aus der gewohnten Umgebung. Amnesie für die Vergangenheit und der persönlichen Lebenssituation während dieses Zustandes
  • Dissoziativer Stupor: Ein Erstarrungszustand mit mangelnder Bewegung und Aufhören der Bewegung, sowie mutistischer Zustände, Inaktivität und Nicht-Reagieren auf Umgebungs- und Schmerzreize, Verweigerung von Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr
  • Depersonalisations- und Derealisationssyndrome: Das eigene Selbst wird verändert, entfremdet, unwirklich wahrgenommen (Depersonalisation). Gedanken, Gefühle und Handlungen werden als nicht mehr zum Selbst gehörig erlebt (wie ein Roboter), andere Sinnesempfindungen (Hören, Sehen etc.) und allgemeine Körpergefühle (Hunger, Durst, Appetit etc.) können ebenfalls gestört sein.
  • Dissoziative Krampfanfälle: Paroxysmale (anfallsartig auftretend) unfreiwillige Verhaltensmuster, die epileptische Anfälle nachahmen und durch eine plötzliche, zeitlich begrenzte Störung der Kontrolle motorischer, sensorischer, autonomer, kognitiver und emotionaler Verhaltensmuster charakterisiert sind
  • Dissoziative Identitätsstörung: Dieses Syndrom (auch: multiple Persönlichkeitsstörung) ist die schwerste Erkrankung der dissoziativen Bewusstseinsstörungen. Zentral ist das Vorhandensein mindestens zwei unterscheidbarer Teilidentitäten oder Persönlichkeitszustände, die jeweils die Kontrolle über das Verhalten des Betroffenen übernehmen und für die gegenseitig eine Amnesie besteht. Dabei handelt es sich um dissoziierte Aspekte der Gesamtpersönlichkeit, die sich jeweils in speziellen Fähigkeiten, Alter, Geschlecht, Affektzustand u.a. unterscheiden können. Der Wechsel der Zustände kann durch verschiedene, häufig Trauma assoziierte Auslösereize verursacht werden. Daneben können alle Symptome der anderen dissoziativen Bewusstseinsstörungen (Amnesie, Fugue u.a.) vorhanden sein.

Behandlung dissoziativer Störungen

Dissoziative Störungen sollten psychotherapeutisch behandelt werden. Ziel ist dabei, dass der Patient die psychische Natur seines Leidens versteht und nach psychischen oder sozialen Lösungswegen sucht. Das ist häufig insofern schwierig, als die Betroffenen fest davon überzeugt sind, an einer körperlichen Erkrankung zu leiden, und sich von ihren Behandlern als Simulanten abgestempelt sehen, wenn sie in psychotherapeutische Behandlung überwiesen werden.

Je nach Schweregrad ist eine psychodynamische Kurztherapie oder auch eine längerfristige, manchmal auch stationäre psychodynamische Behandlung unter Ergänzung spezifischer Traumatherapieformen, wie imaginative Traumatherapie oder EMDR-Therapie erforderlich. Bei entsprechender Komorbidität (Begleiterkrankung) ist auch eine psychopharmakologische Therapie indiziert, z.B. bei Depression.

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Autoren:
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen
Dr. Gitta Jacob