F 8: Entwicklungsstörungen


Entwicklungsstörungen bezeichnen Störungen bei der Reifung des Gehirns ab der (frühen) Kindheit, so dass der Entwicklungsstand dieser Kinder nicht dem von durchschnittlichen Kindern entspricht. Störungen der Entwicklung nehmen einen kontinuierlichen Verlauf, d.h. sie verlaufen nicht in wechselhaften Phasen, wie viele andere psychische Störungen. Einer Entwicklungsstörung geht üblicherweise keine Periode normaler Reifung der betroffenen Funktion voraus, sondern die Entwicklung der jeweiligen Funktion ist praktisch von Anfang an gestört.

Arten von Entwicklungsstörungen

Bei Entwicklungsstörungen lassen sich verschiedene Arten von Störungen unterschieden. Hierzu gehören insbesondere:

  • Entwicklungsstörungen der Sprache und des Sprechens
  • Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, z.B. Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie), Rechenstörung (Dyskalkulie)
  • Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen
  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen, z.B. Autismus, Rett-Syndrom

Trauriges Mädchen

Mädchen sitzt an Fenster
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Entwicklungsstörungen der Sprache und des Sprechens

Entwicklungsstörungen der Sprache und des Sprechens bezeichnen eine von Anfang an unzureichende Sprachentwicklung, die nicht auf

  • neurologische Störungen
  • Umweltfaktoren (wie z.B. Umzug in einen anderen Sprachraum)
  • sensorische Beeinträchtigungen (Hörschwäche) oder
  • zu geringe Intelligenz

zurückgeführt werden kann. Dabei ist zu beachten, dass sich unterschiedliche Kinder natürlich nicht gleich entwickeln und viele Kinder zumindest phasenweise ein eher langsames Entwicklungstempo haben, ohne dass dies gleich als Störung zu betrachten ist.

Eine Störung liegt erst dann vor, wenn die Entwicklung der betreffenden Funktion über einen längeren Zeitraum extrem langsam vonstattengeht oder wenn gleichzeitig damit zusammenhängende Funktionen gestört sind. Damit ist gemeint, dass mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Sprachstörung vorliegt, wenn zeitgleich oder in zeitlicher Folge beispielsweise ausgeprägte Lese- oder Schreibprobleme auftreten. Allerdings wird nicht von einer Sprachstörung gesprochen, wenn sich alle Funktionen schlechter entwickeln, da dies eher auf eine generelle Intelligenzminderung hinweist.

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Was für Sprach- und Sprechstörungen gibt es?

  • Eine spezifische Störung der Sprachentwicklung ist die sog. Artikulationsstörung. Hier fehlen einzelne Laute oder Lautverbindungen entweder völlig, sie werden fehlerhaft oder verdreht eingesetzt oder durch andere Laute ersetzt. Artikulationsstörungen sind die häufigsten Sprachentwicklungsstörungen und treten bei ca. 7 Prozent der 5-jährigen Jungen und 2 Prozent der 5-jährigen Mädchen auf.
  • Bei der expressiven Sprachstörung kann das Kind sich nicht altersgemäß ausdrücken, also beispielsweise keine altersangemessenen Sätze sprechen, das Sprachverständnis gegenüber anderen ist jedoch normal.
  • Wenn das Sprachverständnis gestört ist, wird von einer rezeptiven Sprachstörung gesprochen.
  • Beim Stottern liegt eine Störung des Sprechablaufes vor, entweder durch eine Hemmung oder Unterbrechung des Sprechflusses, wobei Laute oder Silben häufig wiederholt oder gedehnt werden. Stottern tritt bei 5 Prozent der 5-jährigen Jungen und 2 Prozent der 5- jährigen Mädchen auf.
  • Auch das Poltern ist eine Störung der Sprechflüssigkeit, es zeigt sich durch extrem unrhythmischen und unregelmäßigen Sprechfluss bei teilweise sehr schneller Sprechgeschwindigkeit.

Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten

Zu diesen Entwicklungsstörungen zählen die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) sowie die Rechenstörung (Dyskalkulie). Beide Störungen kommen als Teilleistungsstörungen vor, d.h. die restlichen Fertigkeiten sind altersgemäß entwickelt. Ca. 10 Prozent aller Kinder sind von Teilleistungsstörungen betroffen, Jungen deutlich mehr als Mädchen. Für die Lese-Rechtschreibstörung finden sich Erkrankungsraten zwischen 4 und 7 Prozent, für die Rechenstörung bis zu 6 Prozent.

Bei diesen Entwicklungsstörungen liegen die schulischen Beurteilungen der jeweils gestörten Funktionen im untersten Bereich. Häufig bestehen zusätzliche Probleme wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität und die Störung geht nicht ohne weiteres zurück, wenn das Kind mehr Unterstützung angeboten bekommt. In der Folge von umschriebenen Teilleistungsstörungen kann es durch das Erleben von Versagen, Spott und schlechten Leistungen zu emotionalen Problemen wie Ängsten, Störungen im Sozialverhalten, psychosomatischen Symptomen oder Schulverweigerung kommen.

Lese-Rechtschreibstörung

Die Legasthenie zeigt sich im Auslassen, Verdrehen, Ersetzen oder Hinzufügen von Buchstaben oder Worten beim Schreiben und Lesen, einer niedrigen Lesegeschwindigkeit mit ausgeprägten Startschwierigkeiten und häufigem Zögern sowie dem Vertauschen von Buchstaben im Wort oder Worten im Satz.

Auch das Leseverständnis ist gestört, so können die betroffenen Kinder z.B. Gelesenes nicht in eigenen Worten wiedergeben oder eigene Schlüsse aus dem Gelesenen ziehen. Der Legasthenie geht häufig eine Sprachentwicklungsverzögerung voraus. Im Erwachsenenalter können v.a. Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung bestehen bleiben, die Lesefertigkeit normalisiert sich üblicherweise. Statt einer Lese-Rechtschreibstörung ist in manchen Fällen eine reine Rechtschreibstörung zu beobachten, während das Lesevermögen und -verständnis unbeeinträchtigt sind.

Therapeutisch stehen neben der Informationsvermittlung an Eltern und Kind Übungsbehandlungen der gestörten Funktionen im Vordergrund. Daneben können in Abhängigkeit von der Rechtslage des jeweiligen Bundeslandes evtl. schulrechtliche Möglichkeiten wie Legasthenie-Boni oder zusätzlicher Förderunterricht genutzt werden.

Fallbeispiel: Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Der 9-jährige Joachim wird vom Kinderarzt in die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz überwiesen. Er sei bis zum Schulbeginn ein heiterer und altersgemäß entwickelter Junge gewesen. Von Beginn der ersten Klasse habe er große Schwierigkeiten mit dem Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit gehabt, obwohl sowohl die Lehrerin als auch die Mutter ihn sehr unterstützt hätten. Dabei fällt auf, dass Joachim dieselben Wörter auf derselben Seite sehr unterschiedlich schreibt und sogar Schwierigkeiten hat, ein Wort vom anderen abzuschreiben. In allen übrigen Fächern zeigt er dagegen sehr gute Leistungen und arbeitet aktiv mit.

Nachdem sich die Lese- und Schreibprobleme schon über zweieinhalb Jahre hinziehen, hat Joachim immer weniger Freude an der Schule, er schläft häufig schlecht, morgens klagt er oft über Bauchschmerzen, dadurch kann er öfters nicht in die Schule gehen.

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Rechenstörung (Dyskalkulie)

Bei der Rechenstörung werden grundlegende Rechenfertigkeiten wie die vier Grundrechenarten deutlich unterhalb der Altersnorm beherrscht. Dabei können verschiedene Fehler auftreten. Beispielsweise werden die Konzepte der Rechenarten nicht verstanden, die mathematischen Ausdrücke und Zeichen werden nicht verstanden oder nicht wiedererkannt, das Einmaleins nicht erinnert oder der Zahlenaufbau und die richtige Zahlenreihenfolge nicht verstanden. Möglicherweise ist bei den betroffenen Kindern die räumliche Vorstellungskraft unterdurchschnittlich gut ausgeprägt.

Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen

Bei dieser Störung sind die Kinder motorisch (in ihren Bewegungen) ungeschickt und haben beispielsweise Schwierigkeiten, sich selbst anzukleiden, Schuhe zu binden, mit Schere und Kleber zu arbeiten, zu zeichnen oder zu malen. Kompliziertere Bewegungsabläufe wie Fahrradfahren oder Schwimmen werden sehr verzögert gelernt. Die betroffenen Kinder kommen durch Defizite in Schule, Sport und Freizeitbereich leicht in eine Außenseiterposition.

Für die Diagnosestellung ist die Abklärung wichtig, dass die Entwicklungsstörungen nicht durch eine Sehbehinderung erklärt werden können. Betroffen sind ca. 1,4 Prozent aller Schüler, Jungen doppelt so häufig wie Mädchen. Therapeutisch sind Übungstherapien und ein Training der Körperwahrnehmung angezeigt.

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen

Der Autismus zählt wie das Rett-Syndrom zu den sogenannten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, die durch schwere Beeinträchtigungen von sozialen Interaktionen und der Kommunikation sowie stereotype und wenig variierende Interessen oder Bewegungen charakterisiert sind.

Autismus

Beim frühkindlichen Autismus, der vor dem 3. Lebensjahr beginnt, sind die sozialen Interaktionen schwer gestört. Die Kinder können soziale Signale schlecht einschätzen und zeigen wenig Reaktion auf den jeweiligen sozialen Kontext, es fehlt eine soziale oder emotionale Gegenseitigkeit, auch soziales Spiel tritt kaum auf. Die Sprachentwicklung ist häufig ebenfalls gestört, auf jeden Fall wird die vorhandene Sprache kaum sozial eingesetzt und wenig flexibel gebraucht.

Zusätzlich zeigen die Kinder starre, stark eingeschränkte und häufig sich wiederholende Verhaltensmuster (Stereotypien), z.B. das häufige Berühren oder Beriechen von Dingen oder eine ritualhafte Beschäftigung mit Fahrplänen oder Daten. Neben diesen Merkmalen haben autistische Kinder häufig diverse Verhaltensauffälligkeiten wie Ängste, Selbstverletzungen (z.B. Kopf an die Wand schlagen oder sich in die Hand beißen), Schlaf– und Essstörungen.

Eine leichtere Verlaufsform ist das Asperger-Syndrom. Auch hier zeigen die Kinder eine beeinträchtigte Kommunikation, stereotype Verhaltensweisen und einen eigenwilligen Gebrauch der Sprache, die intellektuelle Leistungsfähigkeit und Entwicklung der sprachlichen Fertigkeiten ist dagegen nicht beeinträchtigt. Bis zu 0,1 Prozent aller Kinder sind Autisten, wobei Jungen zwei- bis dreimal so häufig betroffen sind wie Mädchen.

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Rett-Syndrom

Beim Rett-Syndrom, das nur Mädchen betrifft und zwischen dem 7. und 24. Lebensmonat beginnt, kommt es zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust bereits erworbener motorischer und sprachlicher Fertigkeiten. Typisch sind stereotype windende Handbewegungen.

Im Verlauf kommt es u.a. auch zu körperlichen Fehlentwicklungen und Symptomen mit verlangsamten Kopfwachstum, epileptischen Anfällen. Insgesamt ist der Verlauf schlecht und kann nicht entscheidend positiv beeinflusst werden.

Autor:
Dr. Gitta Jacob