F 50: Essstörungen


Bei Essstörungen handelt es sich um eine Verhaltensstörung, die mit einem abnormen Essverhalten, einer gestörten Körperwahrnehmung und der ständigen gedanklichen Beschäftigung mit den Themen Essen und Körpergewicht verbunden ist. Die Behandlung von Essstörungen kann je nach Schweregrad und Chronizität ambulant, teilstationär oder stationär erfolgen.

Verschiedene Arten von Essstörungen

Appetitstörungen – sowohl eine Reduktion als auch eine Steigerung des Appetits – sind bei vielen Krankheiten weit verbreitet. Die Appetitstörung ist dabei, anders als die Essstörung, kein eigenes Krankheitsbild, sondern kommt vor bei hirnorganischen Störungen, gastrointestinalen Störungen, endokrinen und bei genetisch bedingten Störungen. Zu den Essstörungen, die im Rahmen der Psychosomatischen Medizin eine Rolle spielen, gehören:

  • Anorexia nervosa (Magersucht)
  • Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht)
  • Binge-Eating-Störung (Esssucht)
  • Adipositas (Fettleibigkeit)

Frau steht am Kühlschrank
© diego cervo / Fotolia

Anorexia nervosa (Magersucht)

Als Anorexia nervosa (Magersucht) wird eine Essstörung bezeichnet, bei der durch restriktives Essverhalten (Beschränkung der Nahrungsmenge und Selektion der Nahrungsmittel) und andere Verhaltensweisen (Einnahme von Abführmitteln, übermäßigen Sport, selbstinduziertes Erbrechen) ein Gewichtsverlust herbeigeführt wird.

Das Körpergewicht liegt bei dieser Essstörung unter einem Body-Mass-Index von 17,5 kg/m². Bis zu 1 Prozent der 15 bis 25-jährigen Mädchen (Risikopopulation) erkrankt. Klassifiziert wird die Anorexia nervosa nach F 50.0 und als atypische Anorexia nervosa nach F 50.1. An Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) liegen häufig Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen und Suchterkrankungen vor.

Symptomatik bei Anorexia nervosa (Magersucht)

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist bei Patienten mit dieser Essstörung verändert: Während andere Menschen realistisch wahrgenommen werden, wird der eigene Körper trotz des Untergewichts als unförmig und fett erlebt.

Nicht selten beginnt die Anorexia nervosa mit einer harmlos erscheinenden Diät. Auslöser können aber auch körperliche Veränderungen im Rahmen der Pubertät oder andere Anforderungen des Erwachsenwerdens sein. Anerkennende Rückmeldungen als Reaktion auf die Gewichtsabnahme können bei dieser Essstörung verstärkend hinzukommen. Es stellt sich das Gefühl ein, dass eine Gewichtszunahme unbedingt vermieden werden muss. Das Gewicht unter Kontrolle zu haben wird gleichgesetzt damit, das eigene Leben im Griff zu haben.

Arztsuche

Auf der psychischen Ebene herrscht bei Patienten mit dieser Essstörung zu Beginn nicht selten ein Gefühl von Leichtigkeit und Überlegenheit vor, das im weiteren Verlauf in Reizbarkeit, Desinteresse und eine depressive Stimmungslage übergeht. Die häufigsten körperlichen Symptome sind hormonelle Störungen, die zu einem Ausbleiben der Regelblutung führen können sowie Schilddrüsendysfunktionen, eine Verlangsamung der Pulsfrequenz, eine Erniedrigung des Blutdrucks, Osteoporose, Blutarmut, Elektrolytstörungen, Nierenschäden und Hautveränderungen.

Aus psychodynamischer Sicht wird die anorektische Symptomatik als dysfunktionaler Versuch einer Identitätsbildung, der Abgrenzung bzw. Autonomiebildung in Beziehungen sowie der Befriedigung des Bedürfnisses nach Selbstkontrolle verstanden.

Behandlung der Magersucht

Kern und Grundlage jeder Therapie ist eine längerfristige Psychotherapie, die bei einem BMI > 15 ambulant begonnen, bei ausbleibendem Erfolg aber spätestens nach 6 Monaten stationär indiziert werden sollte. Die stationäre Akutaufnahme ist unbedingt erforderlich bei BMI < 15 kg/m², plötzlichem Gewichtsverlust, ausgeprägter Elektrolytstörung, Infekten, kardialen oder metabolischen Komplikationen sowie direkter Suizidalität).

Die stationäre Psychotherapie besteht in einem

  • Essvertrag und Esstagebuch
  • symptomorientierten Essgruppen
  • psychodynamischer Einzel- und Gruppentherapie
  • Familiengesprächen
  • Familienstammbaumarbeit
  • körperorientierter Therapie
  • Gestaltungs-, Musik- und Entspannungstherapien

Eine medikamentöse Therapie ist nur indiziert bei ausgeprägter Depression als Komorbidität. Bei schneller und intensiver psychotherapeutischer Intervention ist die Prognose günstig.  Bei 10% der Fälle tritt eine Chronifizierung ein.

Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht)

Die Bulimia nervosa ist eine Essstörung, bei der es zu Heißhungeranfällen kommt, denen unabweisbare Essattacken mit Kontrollverlust folgen. Nach dem wahllosen Verschlingen großer Nahrungsmengen (oft mehrere Tausend Kilokalorien) werden vermeintlich gewichtsreduzierende Maßnahmen durchgeführt (in 95 Prozent der Fälle Erbrechen).

Die Klassifikation in ICD-10 liegt unter F 50.2 Bulimia nervosa oder F 50.3 atypische Bulimia nervosa vor.

Rund 3 bis 4 Prozent der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 35 Jahren sind in den technisch hoch entwickelten Ländern betroffen. Die Häufigkeitsgipfel der Erstmanifestation liegt dabei um das 17. Lebensjahr. 20 Prozent leiden gleichzeitig unter Persönlichkeitsstörungen.

Symptomatik bei Bulimie

Das Hauptsymptom der Bulimie besteht aus Essanfällen, bei denen große Mengen an Nahrungsmitteln gegessen werden, wobei die Betroffenen ein Gefühl von Kontrollverlust erleben. Auch, wenn bei den Essanfällen objektiv nicht viel gegessen wird, empfinden Betroffene dies als zuviel und belastend.

Um eine befürchete Gewichtszunahme zu verhindern, setzen sie kompensatorische Maßnahmen ein. Dabei handelt es sich um selbstinduziertes Erbrechen, Fasten oder kalorienarme Diäten, Missbrauch von Medikamenten (Laxanzien, Diuretika, Appetitzügler, Schilddrüsenhormone) und exzessive sportliche Betätigung.

Die Essstörung Bulimie wird diagnostiziert, wenn mindestens zwei mal pro Woche Essanfälle auftreten. Mit Bulimie gehen häufig depressive Symptome, Schamgefühle, derentwegen die Patienten ihre Krankheit verheimlichen, und ein vermindertes Selbstwertgefühl einher. Etwa ein Drittel der Patienten mit Bulimie litten zuvor bereits an Magersucht. Auch im Verlauf einer Bulimie kommt es gelegentlich zu Episoden einer Anorexia nervosa.

Zentrale Aspekte der Essstörung Bulimie sind ein mangelndes Selbstwertgefühl und ein übertriebener Anspruch an sich selbst. Das Selbstwertgefühl wird von Aussehen und Figur und vom Erreichen anderer, meist zu hoch gesteckter Ziele abhängig gemacht, woraus eine ständige Unzufriedenheit mit sich selbst resultiert. Patienten mit Bulimie haben Schwierigkeiten, mit emotionalen Zuständen umzugehen. Einige zeigen neben Ess-Brechanfällen zudem selbstverletzendes Verhalten und Substanzmissbrauch.

Betroffene haben meist Normalgewicht. An körperlichen Störungen stehen bei der Bulimie Elektrolytverschiebungen und Zahnschäden im Vordergrund.

Arztsuche

Behandlung der Ess-Brechsucht

In leichten Fällen ist eine ambulante Psychotherapie einzuleiten, die sowohl psychodynamisch wie verhaltenstherapeutisch sein kann. Besonders die Bearbeitung intrapsychischer und interpersoneller Konflikte (Ablösungskonflikte vom Elternhaus) spielen dabei eine große Rolle.

Falls sich keine Besserung ergibt, ist unbedingt eine stationäre Psychotherapie anzuraten. Das gilt auch für solche Fälle, in denen der Tagesablauf der Betroffenen über viele Stunden durch einen ständigen Wechsel von Essanfällen und Erbrechen bestimmt wird. Auch bei Suizidalität und Persönlichkeitsstörung (Borderline- Störung), nicht unterbrechbarem Ess-Brechverhalten, festgefahrenen Situationen in Familie und Partnerschaft, schwerwiegenden Verlusterlebnissen und sozialer Isolierung ist eine stationäre Psychotherapie indiziert.

Binge-Eating-Störung (Esssucht) und Adipositas

Patienten mit einer Binge-Eating-Störung leiden unter regelmäßig auftretenden Essanfällen, während derer sie große Nahrungsmengen verzehren und das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren. Sie greifen allerdings nicht regelmäßig auf Maßnahmen zur Gewichtsreduktion zurück und sind daher häufig adipös (fettleibig).

Von einer Adipositas spricht man bei einem BMI von > 30,0 kg/m². Die Adipositas ist sehr weit verbreitet und nimmt weiter zu. An der schwersten Form der Adipositas (BMI > 40 kg/m², Grad 3, leiden zwischen 1 bis 1,2 Prozent der Menschen.

An der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Binge-Eating-Störung sind vermutlich verschiedene psychosoziale und biologische Faktoren beteiligt wie

  • Überbewertung der äußeren Erscheinung
  • Unzufriedenheit mit der Figur
  • erhöhter BMI
  • niedriges Selbstwertgefühl
  • depressive Symptome
  • gering ausgeprägte soziale Unterstützung

Die Binge-Eating-Störung wird in der ICD-10 als atypische Bulimia nervosa (F 50.3) bzw. als Essattacken bei anderen psychischen Störungen (F 50.4) klassifiziert.

Bewusste Ernährung ist sehr wichtig, nicht nur bei Essstörungen

Behandlung der Binge-Eating-Störung

Sowohl für die Adipositas wie auch für die Binge-Eating-Störung ist in erster Linie eine diätetische Maßnahme, Sport, Bewegungstherapie, Psychoedukation, manchmal auch chirurgische Maßnahmen erforderlich. Als Psychotherapie ist eine modifizierte Verhaltenstherapie Mittel der Wahl. Dabei stehen das Wiedererlernen eines gesunden Ernährungsverhaltens und die Restrukturierung des Einkaufens, Kochens und Verzehrens von Nahrungsmitteln im Vordergrund.

Behandlung von Essstörungen

Die Behandlung der Essstörungen sollte störungsspezifisch erfolgen und die psychischen und körperlichen Aspekte der Erkrankung berücksichtigen. Es gibt ambulante, teilstationäre und stationäre Behandlungen, die je nach Schweregrad und Chronizität eingesetzt und kombiniert werden. Die Behandlung einer Essstörung bis zur völligen Gesundung dauert in der Regel Monate, wenn nicht Jahre.

Therapiemotivation als Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung von Essstörungen

Eine wesentliche Behandlungsvoraussetzung ist eine ausreichende Therapiemotivation. Patienten mit der Essstörung Anorexia nervosa stehen einer Veränderung ihres Gewichts und Essverhaltens häufig lange Zeit sehr ambivalent gegenüber. Daher ist die Arbeit an Motivation und Ambivalenz eine zentrale Aufgabe während des gesamten Behandlungsverlaufs.

Behandlungsziele bei Essstörungen

Behandlungsziele bei Essstörungen sind eine Normalisierung des Essverhaltens und des Körpergewichts sowie eine Verbesserung der Konflikt- und Beziehungsfähigkeit. Diese kann durch eine tiefenpsychologische Einzel- und Gruppenbehandlung erreicht werden, im Rahmen derer die Patienten mit Essstörungen sich intensiv mit ihren Schwierigkeiten, in Beziehungen eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, sowie konflikthafte Situationen zu meistern, auseinandersetzen. Stehen ihnen bessere Möglichkeiten zur Konfliktlösung und Affektregulation zur Verfügung, müssen sie nicht mehr auf die Symptomatik zurückgreifen.

Zudem wird dem symptomatischen Essverhalten durch intensive praktische Unterstützung bei gemeinsamen Mahlzeiten entgegengewirkt, was allerdings nur im stationären oder teilstationären Behandlungsrahmen möglich ist.

Arztsuche

Medikamentöse Behandlung von Essstörungen

Eine rein medikamentöse Behandlung der Essstörungen ist nicht möglich. Es gibt aber ein zur Behandlung der Bulimie zugelassenes Medikament, den Serotonin-Re-uptake-Hemmer Fluoxetin, der ggf. ergänzend zur Psychotherapie eingesetzt werden kann.

Autoren:
Dr. med. Katrin Jakobi
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen