F 9: Psychische Störungen bei Kindern


Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen können sich in ihrer Ausprägung und Symptomatik von den Störungen im Erwachsenenalter unterscheiden. Zwei wichtige Gruppen psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sind die Entwicklungsstörungen und die Intelligenzminderung. Im Folgenden werden nun typische kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder, die sich nicht als Störung der Entwicklung bestimmter Fertigkeiten oder Funktionen charakterisieren lassen, beschrieben.

Wann liegt eine psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen vor?

Dabei ist zu bedenken, dass die Bedeutung einer Symptomatik als Störung immer vom jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes abhängt. So sind beispielsweise gelegentliche Alpträume im Vorschulalter ebenso normal wie Ängste und Unsicherheit in der frühen Pubertät.

Zur psychischen Störung wird eine Problematik erst dann, wenn sie über das im entsprechenden Entwicklungsstadium Normale deutlich hinausgeht und zu Leid führt. Eine weitere Besonderheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) liegt darin, dass Eltern und Familie bzw. entsprechende Bezugspersonen (auch Lehrer) eine große Bedeutung haben, sowohl in der Befunderhebung als auch in der Behandlung der Störungen.

Trauriges Mädchen
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Was für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen gibt es?

Es lassen sich verschiedene psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden. Zu den häufigsten gehören die folgenden Verhaltensstörungen bzw. emotionalen Störungen im Kindes- und Jugendalter:

  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Angststörungen
  • Psychosen
  • Ticstörung
  • Essstörungen
  • Enuresis
  • Enkopresis
  • Schlafstörungen

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ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist gekennzeichnet durch eine extreme motorische (bewegungsbezogene) Unruhe und Getriebenheit, die in vielen Situationen auftritt, z.B. in Form von herumlaufen, reden, lärmen und zappeln. Daneben zeigen die Betroffenen eine gestörte Aufmerksamkeit in Form von extrem leichter Ablenkbarkeit, geringer Konzentrationsfähigkeit und häufigem Wechsel der Tätigkeit. Dazu kommt eine gestörte Impulskontrolle, d.h., die Kinder können sich in jeder Hinsicht schwer „zusammenreißen“ und haben wenig Frustrationstoleranz.

Die Symptome beginnen in den ersten fünf Lebensjahren und überdauern zeitlich, bei ca. einem Drittel besteht die Störung auch noch im Erwachsenenalter. Etwa 3 bis 5 Prozent aller Kinder sind betroffen, Jungen etwa 3- bis 8-mal so häufig wie Mädchen.

Durch die Unaufmerksamkeit kommt es relativ häufig zu Gefährdungen und Unfällen, außerdem bekommen die betroffenen Kinder häufig soziale Probleme, da sie in Konflikte mit Mitschülern, Lehrern etc. geraten. Im Jugendalter verringert sich meistens die motorische Unruhe, während die erhöhte Impulsivität und verringerte Aufmerksamkeit bestehen bleiben, so dass das Risiko für Drogenkonsum, Verkehrsunfälle und Delinquenz (straffällig werden) erhöht ist.

Die Herkunft der Störung ist nicht ganz klar, neben genetischen Faktoren spielen möglicherweise Geburtskomplikationen und Veränderungen im Gehirnstoffwechsel eine Rolle. Therapiert wird die ADHS zum einen durch einen konsequenten Erziehungsstil und entsprechende pädagogische Maßnahmen. Daneben kommt häufig als Medikament Methylphenidat (Ritalin®) zur Anwendung, dies wird aktuell als effektivste Behandlungsmethode betrachtet.

Fallbeispiel zu ADHS

Der 9-jährige Andreas wird in der Kinderambulanz wegen ständiger disziplinarischer Probleme in der Schule vorgestellt. Er gehe in die dritte Klasse, könne nicht sitzen bleiben und laufe deshalb ständig in der Klasse herum. Er melde sich fast nie, rufe häufig dazwischen und müsse auch wegen seines Schwätzens dauernd ermahnt werden. In den Pausen komme es immer wieder zu Prügeleien. Zu Hause sei Andreas ebenfalls extrem anstrengend, die Hausaufgaben würden sich unter großen Streitereien meist über den ganzen Nachmittag hinziehen. Er habe auch viele Konflikte mit seinen Geschwistern, weil er ihnen auf die Nerven gehe und immer wieder Dinge von ihnen zerstöre, teils aus Versehen, teils im Impuls mit Absicht.

Störung des Sozialverhaltens bei Kindern

Diese Störung ist ein andauerndes Muster von dissozialem, aggressivem oder aufsässigem Verhalten bei Kindern. Die betroffenen Kinder streiten z.B. häufig, auch mit massiven Wutausbrüchen, treten ihren Bezugspersonen gegenüber aggressiv auf, lügen und halten sich nicht an Versprechungen oder sind grausam gegenüber anderen Kindern oder Tieren. Es kann zur absichtlichen Zerstörung fremden Eigentums, absichtlichem Feuerlegen, Diebstahl und disziplinarischen Problemen in der Schule einschließlich Schuleschwänzen kommen.

Die Störung des Sozialverhaltens tritt häufig gemeinsam mit anderen psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen, wie ADHS, Entwicklungsstörungen oder Drogenmissbrauch, auf. Betroffen sind zwischen 2 und 10 Prozent aller Kinder, darunter vorwiegend Jungen, wobei sich die Störung häufig über viele Jahre sehr stabil zeigt.

Ein wichtiges Ziel der Therapie dieser psychischen Störung besteht darin, Delinquenz, also dem Begehen strafbarer Handlungen, und der darauf häufig folgenden Gefängniskarriere vorzubeugen. Therapeutisch können Einzeltherapien der Kinder oder Familientherapien durchgeführt werden, daneben spielen kommunale Maßnahmen (z.B. Jugendarbeit in „Problemvierteln“) eine Rolle.

Die Stabilität der Störung im Sozialverhalten ist sehr hoch. Besonders, wenn die Kinder schon im jungen Alter aggressive Auffälligkeiten zeigen, ist davon auszugehen, dass 40 Prozent dieser Grundschüler noch Störungen des Sozialverhaltens im Erwachsenenalter zeigen. In einzelnen Fällen wie beim Vorliegen schwerer impulsiver aggressiver Verhaltensweisen können Medikamente wie z.B. Lithium oder Carbamazepin mit Erfolg eingesetzt werden. Psychosoziale Präventionsmaßnahmen sind zweifellos die entscheidenden Kriterien zur Verbesserung des Schicksals der Kinder.

Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

Ängste sind v.a. im Kindesalter ein relativ häufiges Phänomen. Viele Kinder zeigen Angst vor bestimmten Situationen oder Objekten (sog. „phobische Ängste“), z.B. vor Gewittern, vor Hunden oder vor der Dunkelheit. Bei 2 bis 9 Prozent aller Kinder sind die phobischen Ängste so stark ausgeprägt, dass die Diagnose einer psychischen Störung gestellt werden kann. Neben den phobischen Ängsten ist die Trennungsangst die wichtigste Angststörung des Kindes- und Jugendalters, unter der 3 bis 5 Prozent aller Kinder leiden.

Die betroffenen Kinder weigern sich, ihre Bezugspersonen zu verlassen bzw. leiden unter großen Ängsten, wenn sie dies doch tun. Das führt in der Regel zum Verweigern des Schulbesuches. Kinder mit Trennungsangst sind häufig schon im Kleinkindalter sehr anhänglich und gehen z.B. nicht gerne in den Kindergarten. Schwere Trennungsängste werden häufig ausgelöst durch das Erleben eines Verlassenseins (z.B. Verlorengehen im Kaufhaus) oder durch schwierige familiäre Situationen (z.B. drohende Trennung der Eltern).

Während bei der Trennungsangst die Angst vor der Trennung von den Eltern im Vordergrund steht, haben bei der davon abzugrenzenden Schulangst die Kinder vor der Schule Angst. Sie trennen sich zwar möglicherweise leicht, gehen dann jedoch eher nicht in die Schule. Diese zwei Angststörungen können leicht verwechselt werden, da u.U. bei beiden zunächst die Verweigerung des Schulbesuchs auffällt.

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Psychosen bei Kindern und Jugendlichen

Schizophrene und andere Psychosen beginnen relativ selten (in ca. 4 Prozent aller Fälle) schon vor dem 15. Lebensjahr, nur etwa 1 Prozent beginnen schon vor dem 10. Lebensjahr. Je geringer das Ersterkrankungsalter ist, desto schwerer sind Psychosen zu erkennen, da sie sich im klinischen Bild stark von den Psychosen erwachsener Patienten unterscheiden.

Während im Erwachsenenalter häufig eine „produktive“ psychotische Symptomatik mit Wahn und Halluzinationen auftritt, treten im jüngeren Alter häufiger auch sog. „hebephrene“ Verlaufsformen sowie sogenannte Prodrome auf. Unter Prodromen versteht man eine Symptomatik, die vielen akuten Psychosen – manchmal über Jahre – vorausgeht und sich durch Probleme wie

  • Konzentrationsstörungen,
  • Misstrauen,
  • Leistungsknicks in der Schule,
  • Ängste und
  • sozialem Rückzug

äußern. Als „hebephren“ wird eine Psychose bezeichnet, wenn sie sich v.a. darin äußert, dass der Betroffene immer weniger emotionale Teilnahme und wenig Antrieb zeigt, und in der Stimmung zunehmend flach und „läppisch“ wird.

Ticstörungen im Grundschulalter

Tics sind plötzliche, kurze, wiederholte, unwillkürliche Bewegungen oder Äußerungen, die kein spezielles Ziel oder Bedeutung haben. Die Betroffenen können Tics häufig für kurze Zeit willkürlich unterdrücken. Es gibt einfache Tics wie Schulterzucken, Blinzeln, Pfeifen oder Schnüffeln, sowie sogenannte komplexe Tics wie Springen, Beriechen, Aufstampfen und das Sagen ganzer Wörter oder Sätze.

Bei einer vorübergehenden Ticstörung treten meist nur einfache Tics auf, die nicht länger als ein Jahr andauern, bei chronischen Ticstörungen treten unter Umständen mehrere und komplexere Tics über einen längeren Zeitraum auf. Bei einer schwerwiegenden Kombination von vokalen und motorischen Tics über einen langen Zeitraum spricht man vom sogenannten Gilles-de-la-Tourette-Syndrom.

Zwischen 4 und 12 Prozent der Kinder im Grundschulalter leiden an einer Ticstörung, das sind ca. 10 mal so viele Betroffene wie im Erwachsenenalter. Jungen sind sehr viel häufiger betroffen. Während sich viele Ticstörungen mit der Zeit von selbst wieder geben, haben chronische und komplexe Ticstörungen auch mit verhaltenstherapeutischer und medikamentöser Behandlung eine relativ schlechte Prognose.

Essstörungen im Kindes- und Jugendalter

Für das Kindes- und Jugendalter sind einige Besonderheiten zu beachten, was die Symptomatik der verschiedenen Essstörungen angeht. Die Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit) im Kindes- und Jugendalter ist ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft, von dem Kinder aus niedrigeren Gesellschaftsschichten stärker betroffen sind. Dies ist insofern bedenklich, als adipöse Kinder meist auch als Erwachsene übergewichtig bleiben, mit allen damit zusammenhängenden Folgeproblemen wie Herzerkrankungen, orthopädischen Problemen, Diabetes etc.

Die Anorexia nervosa (Magersucht) beginnt sehr häufig im Jugendalter, viele kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen sind auf die Behandlung dieser Störung spezialisiert. Die Bulimie (Ess-Brechsucht) dagegen tritt oft erst in der Folge einer Anorexie auf und wird daher schwerpunktmäßig in der Erwachsenenpsychiatrie behandelt.

Enuresis (unwillkürliches Einnässen)

Von einer Enuresis wird gesprochen, wenn Kinder im Alter von mehr als 5 Jahren noch regelmäßig einnässen, ohne dass dafür organische Ursachen vorliegen. Dabei lassen sich die nächtliche Enuresis sowie die Enuresis tagsüber voneinander unterscheiden. Während von der nächtlichen Enuresis ca. 11 Prozent der Kinder betroffen sind, wobei die Jungen überwiegen, tritt die Enuresis tagsüber sehr viel seltener und verstärkt bei Mädchen auf.

Die Enuresis ist vermutlich zum großen Teil vererbt, psychosozialer Stress spielt dafür jedoch auch eine Rolle. Sie kann mit einem verhaltenstherapeutischen Programm behandelt werden, wobei für die nächtliche Enuresis v.a. Weckgeräte eingesetzt werden, die klingeln, wenn es zum Einnässen kommt. Dadurch lernen die Kinder, im richtigen Moment aufzuwachen und die Toilette aufzusuchen. In manchen Fällen ist auch der Einsatz eines Medikamentes angezeigt, das die nächtliche Urinproduktion unterdrückt.

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Enkopresis (Einkoten bei Kindern)

Enkopresis bedeutet, dass ein Kind wiederholt und unwillkürlich einkotet oder seinen Stuhl an dafür nicht vorgesehenen Stellen absetzt. Bei 7 bis 8-jährigen Schulkindern sind ca. 1,5 bis 3 Prozent betroffen, Jungen doppelt so häufig wie Mädchen.

Im Rahmen der Diagnostik muss auf jeden Fall ausgeschlossen werden, dass eine körperliche Erkrankung als Ursache vorliegt. Therapeutisch müssen ggfs. zunächst Abführmittel eingesetzt werden, um den Stuhlgang zu normalisieren, da viele Kinder mit Enkopresis den Stuhl so stark verhalten, dass es zu Verstopfung kommt.

Schlafstörungen bei Kindern

Zu den Schlafstörungen, die als psychische Störung bei Kindern häufig auftreten, gehören das Schlafwandeln, der Pavor nocturnus und Alpträume. Beim Schlafwandeln, das meist zu Beginn der Nacht auftritt, steht das Kind im Schlaf auf und geht umher, wobei es nur schwer geweckt werden kann. Nach dem Aufwachen erinnert es sich an nichts mehr.

Beim Pavor nocturnus stößt der Betroffene häufig einen Panikschrei aus und setzt sich plötzlich wach im Bett auf, wobei er völlig desorientiert ist und auch sofort wieder schwer erweckbar einschläft. Dieser Ablauf der psychischen Störung ist auch durch Beruhigungsversuche kaum zu beeinflussen.

Im Gegensatz dazu haben die Betroffenen bei Alpträumen nach dem Aufwachen lebhafte Erinnerungen daran und sind Beruhigungsversuchen zugänglich. Alpträume treten eher in der zweiten Nachthälfte auf.

Autor:
Dr. Gitta Jacob