Psychosomatische Erkrankungen


Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Erkrankungen und Leiden, die sich nicht auf organische Ursachen zurückführen lassen, sondern durch psychische Belastungen hervorgerufen werden. So können psychische und seelische Belastungen etwa Herzerkrankungen, Bluthochdruck oder Magenprobleme verursachen. Die Lehre, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen psychischen und körperlichen Faktoren beschäftigt, wird Psychosomatik genannt.

Psychische Störungen wirken sich auf den Körper aus
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Definition und Ursprung der Psychosomatik

Unter Psychosomatik – abgeleitet vom griechischen „psyche“ (Atem, Hauch, Seele) und „soma“ (Körper, Leib) – versteht man die medizinisch-psychologische Krankheitslehre, die psychischen Prozessen bei der Entstehung körperlicher Leiden eine wesentliche Bedeutung beimisst. Die psychosomatische Medizin hat ihre Wurzeln in der Antike. So schrieb etwa Hippokrates der Psyche eine Bedeutung bei der Entstehung von Krankheiten zu.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich mehr eine Medizin der Naturvölker und es gab eine Periode primitiver Heilkunst, magischen Heilens, Magnetismus, Mesmerismus bis hin zum Hypnotismus. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Freud und seine Schüler die Theorie und Methode der Psychoanalyse. Mit dieser Entwicklung stellten sie diagnostische und therapeutische Konzepte zur Verfügung, die Anwendung bei umweltbedingten, psychogenen Krankheiten mit Störung der psychischen und körperlichen Funktion (Neurosen) und/oder der Persönlichkeitsstruktur fanden.

Es entstand eine Linie der Psychosomatischen Medizin, die als Gegenbewegung gegen die rein naturwissenschaftlich orientierte Medizin verstanden wurde. Insgesamt hatte sie vier Traditionen:

  • Die holistische (das Ganze betreffend), d.h. jede Krankheit hat nach dem bio-psychosozialen Krankheitsmodell auch psychosoziale Aspekte.
  • Die psychogenetische, d.h. psychische oder körperliche Symptome sind auf innere Konflikte zurückzuführen (Konversionsmodell).
  • Die psychophysiologische, d.h. Krankheit steht auch in Verbindung mit Stress.
  • Die Verhaltensmedizin als letzte Entwicklung in der Psychosomatischen Medizin: d.h. aus der experimentellen Analyse von Verhalten lassen sich zur Evaluation, Prävention und Behandlung körperlicher Erkrankungen oder physiologischer Funktionsstörungen Verfahren ableiten.

Zugrundeliegende Theorien der Psychosomatischen Medizin

Der Begriff bio-psychosoziales Krankheitsmodell bezeichnet verschiedene psychosomatische und psychoneurotische Krankheitskonzepte. Es bezieht zahlreiche Theorien ein, wie etwa

  • anthropologisch-psychosomatische Konzepte
  • Beiträge der Psychoanalyse
  • Beiträge der Psychophysiologie
  • Psychologie
  • Lernpsychologie
  • Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie
  • Neurobiologie

Im Gegensatz zu vielen anderen medizinischen Disziplinen liegt keine einheitliche Theorie vor. Verschiedene Theorien prägen daher die Auffassungen über Krankheitsbilder und Behandlungskonzepte.

Aus dieser Entwicklung heraus definiert die Muster-Weiterbildungsordnung der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie folgendermaßen: „Die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie umfasst die Erkennung, psychotherapeutische Behandlung, Prävention und Rehabilitation von Krankheits- und Leidenszuständen, an deren Verursachung, deren subjektiver Verarbeitung psychosoziale Faktoren und/oder körperlich-seelische Wechselwirkungen maßgeblich beteiligt sind.“

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Klassifikation der psychosomatischen Störungen nach ICD-10

Psychosomatische Erkrankungen sind Störungen, bei denen psychosoziale Ursachen im Vordergrund stehen. Es sind Erkrankungen, die Ausdruck einer individuellen konflikthaften oder traumatisch-situationsbezogenen Erlebnisverarbeitung sind.

In Auslösung und Verlauf besteht eine Abhängigkeit von objektiv-sozialen Einflüssen, von der psychischen Erlebniswirklichkeit und den individuellen Bewertungsprozessen und damit von der psychosozialen Gesamtbiographie. Mit Ausnahme von posttraumatischen Belastungsstörungen handelt es sich bei diesen Erkrankungen um symptomatische Korrelate unbewusster, im Rahmen aktueller emotionaler Konfliktsituationen reaktivierte kindliche Entwicklungskonflikte und -defizite oder infantile Traumatisierungen. Die Konflikte führen in Auslösesituationen (z.B. Trennung, Kränkung, Erregungsüberflutung) zu symptomatischer Manifestation.

Zu den psychosomatischen Erkrankungen gehören körperliche und seelische Krankheitszustände, die im Regelfall nach den somatischen ICD-10-Kapiteln und den F-Kapiteln 3, 4, 5 und 6 verschlüsselt werden. Die nachstehend aufgeführte Klassifikation ist nicht streng nach dem Ordnungsprinzip der ICD-10 gegliedert, da die neurosenpsychologische Einteilung in der ICD-10 nicht berücksichtigt wird, diese jedoch für die Diagnosegruppen der psychosomatischen und psychoneurotischen Störungen unverzichtbar sind.

Zu den psychosomatischen Erkrankungen und den psychosozial bedingten Erkrankungen gehören:

Bei all diesen Erkrankungen kann eine psychosoziale Verursachung im Vordergrund stehen und die Psychotherapie das dominierende Behandlungsverfahren sein.

Wie häufig sind psychosomatische Erkrankungen?

Nach einigen epidemiologischen Studien sind psychosomatische Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung der industriellen Nationen sehr häufig. Nach der Mannheimer Kohortenstudie z.B. waren 26 Prozent der Untersuchten zum Untersuchungszeitpunkt als Fälle einer psychogenen Erkrankung einzustufen. Über 2 Jahrzehnte ermittelte diese Studie eine hohe Prävalenz (Vorherrschen) psychogener Störungen. Spätere epidemiologische Untersuchungen bestätigten die Mannheimer Befunde. Nach den Angaben des Bundesgesundheitssurvey z.B. liegen 17,2 Prozent affektive, vorwiegend depressive Störungen vor, 7,5 Prozent somatoforme Störungen, 9 Prozent Angststörungen.

Psychosomatische Erkrankungen sind in der primärärztlichen Versorgung sehr häufig anzutreffen. Die Langzeitstabilität der Gesamtbeeinträchtigung psychogener körperlicher, psychischer und sozial kommunikativer Beschwerden war über 10 Jahre nahezu konstant, d.h. psychosomatische Erkrankungen neigen zur Chronifizierung.

Einige Krankheitsbilder der Psychosomatischen Medizin

Im Folgenden sollen kurz einige Krankheitsbilder erwähnt werden, die in den psychosomatischen Einrichtungen behandelt werden. Eine ausführliche Darstellung des Krankheitsbildes ist an dieser Stelle kaum möglich.

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Psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne

Somatische Erkrankungen, die in den somatischen ICD-10-Kapiteln verschlüsselt werden, bei denen psychosoziale Faktoren mitwirken können. Sie können in der Systematik der ICD-10 nur unter F 54 zusammengefasst werden.

Psychosomatische Erkrankungen in der Kardiologie

Kardiovaskuläre Krankheitsbilder mit relevanter psychosozialer Mitbeteiligung, die im Rahmen der Psychokardiologie behandelt werden, sind z.B.:

  • Arterieller Hypertonus/hypertensive Herzerkrankungen
  • Koronare Herzerkrankungen/Angina pectoris/ Herzinfarkt
  • Tachycarde supraventrikuläre und ventrikuläre Rhythmusstörungen
  • Chronische Herzinsuffizienz


Koronare Herzkrankheit: Engstelle an einer Herzkranzarterie

Herz- und Kreislauferkrankungen sind die häufigsten Todesursachen in den industrialisierten Ländern. Nach einem Herzinfarkt finden sich in etwa einem Drittel der Fälle depressive Syndrome. Depressive Störungen, aber auch leichtere depressive Verstimmungen erhöhen sowohl das Risiko, eine Koronarerkrankung zu erleiden, als auch, nach einem koronaren Ereignis vorzeitig zu versterben.

Relevante psychosoziale Folgen kardiovaskulärer Erkrankungen sind:

  • Depressive Syndrome, Anpassungsstörungen, depressive Episoden, dysthyme (leichte depreissve) Entwicklungen
  • Sekundäre Angststörungen (herzbezogene Phobien, Agoraphobien, Panikstörungen)
  • Posttraumatische Partialsyndrome oder Belastungsstörungen
  • Sekundäre somatoforme Störungen (Herz-Hypochondrie)
  • Sexuelle Funktionsstörungen

Bei den therapeutischen Möglichkeiten werden psychosoziale Therapien und Psychotherapien psychischer Störungen im engeren Sinn unterschieden:

  • Zu den psychosozialen Therapien gehören die Psychoedukation, Stressbewältigungstraining, z.B. Gruppengespräche und Übung im Umgang mit Stresssituationen, Förderung der Krankheitsverarbeitung
  • Zu den Therapien psychischer Störungen im engeren Sinn gehören die Bearbeitung der maladaptiven Erlebnis- und Verhaltensmuster der Patienten und die Bearbeitung der psychischen Störung, z.B. der Depression mit Psychotherapie im regelhaften Sinne.

Chronische Darmerkrankung (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn)

Diese Erkrankungen haben in Westeuropa eine hohe Inzidenz (Häufigkeit), sie betragen 1,8 bis 5,3 pro 100.000 Einwohner bei Morbus Crohn und 6,4 bis 15,1 bei Colitis ulcerosa. Ihre Ursachen sind weitgehend unbekannt, z.B. Umwelteinflüsse, genetische Faktoren und Regerationsstörung des Immunsystems. Gesichert ist, dass psychische Störungen, wie z.B. Angst, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und andere psychische epiphänomene (hinzutretende Umstände) bei langwierigen Krankheitsprozessen vorkommen und der Psychotherapie bedürfen.

Als psychotherapeutische Methoden kommen in Frage:

Die vorliegenden Ergebnisse berechtigen, Psychotherapien bei der Behandlung dieser Patientengruppe einzusetzen, um Rückfälle zu reduzieren.

Psychosomatische Erkrankungen in der Dermatologie

Die Häufigkeit psychischer Probleme bei Hautpatienten wird mit 25 bis 30 Prozent nach methodisch gut dokumentierten Erhebungen angegeben. Einige Hauterkrankungen sollen angegeben werden, bei denen psychische Faktoren nachgewiesen wurden und Psychotherapie indiziert sein kann:

  • Akne vulgaris
  • Artefakte der Haut
  • Körperdysmorphophobie (körperliche Missbildung)
  • Kollagenosen (Sklerodermie, Lupus erythematodes)
  • Kontaktekzem
  • Neurodermitis
  • Periorale Dermatitis („Mundrose“)
  • Psoriasis vulgaris
  • Trichotillomanie (zwanghaftes Haarausreißen)
  • Urtikaria (Nesselsucht)

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Die Patienten können psychosozialversorgt werden:

  • in der Hautarztpraxis durch Psychosomatische Grundversorgung und Psychotherapie
  • in der Facharztpraxis
  • durch Fachpsychotherapeuten ebenso wie in der psychosomatischen Ambulanz

Spezielle Psychotherapiemethoden sind bisher nicht entwickelt worden. Teilweise haben sich allerdings psychodynamische Psychotherapien oder Verhaltenstherapien wie auch Entspannungstherapien bewährt.

Psychosomatische Erkrankungen in der Gynäkologie

Psychosomatisch-gynäkologische Krankheitsbilder sind:

  • Blutungsstörungen in Stärke und Häufigkeit
  • Primäre/sekundäre Amenorrhoe
  • Prämenstruelles Syndrom
  • Dysmenorrhoe (Menstruationsbeschwerden)
  • Fluor (Ausfluss)
  • Fluorgefühl
  • Pruritus (Juckreiz)
  • Pillenunverträglichkeit
  • Rezidivierende Unterbauchschmerzen
  • Harninkontinenz
  • Klimakterisches Syndrom
  • Funktionelle Störungen
  • Sterilität und Infertilität

Psychosomatische und psychische Symptome in der Schwangerschaft und im Wochenbett sind:

  • Schwangerschaftsängste
  • Habituelle Aborte (wiederholte Fehlgeburten)
  • Hyperemesis (übermäßiges Schwangerschaftserbrechen)
  • Präeklampsie (erhöhter Blutdruck in der Schwangerschaft)
  • Drohende Frühgeburten
  • Gebärstörungen
  • Anpassungsstörungen im Wochenbett
  • Wochenbettdepressionen, Wochenbettpsychose
  • Stillschwierigkeiten
  • Eingebildete Schwangerschaft
  • Verdrängte Schwangerschaft

Die gynäkologischen und geburtshelferischen Symptome können sowohl somatische als auch psychische und soziale Ursachen haben oder beides. Erst eine genaue Anamnese unter Berücksichtigung des bio-psychosozialen Krankheitsmodells ermittelt den Zusammenhang zwischen den Faktoren.

Es kommen psychotherapeutische Methoden in Frage, z.B.

  • Einzel-, Paar- und Familiengespräche
  • verbale Intervention
  • übende und suggestive Verfahren
  • Beratung und Information zu den körperlichen Funktionen
  • psychodynamische Psychotherapie
  • Verhaltenstherapien

Weitere somatische Fächer

Auch in weiteren somatischen Fächern spielen psychosomatische Erkrankungen eine Rolle, so z.B. in der Neurologie, in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, in der Orthopädie und in der Urologie.

Autor:
Prof. Dr. med. Paul L. Janssen