EMDR-Therapie


Bei der EMDR-Therapie – kurz für Eye Movement Desensitization and Reprocessing – handelt es sich um eine junge, aber mittlerweile gut etablierte psychotherapeutische Methode, die zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickelt wurde.

Ziel der EMDR-Therapie, die in den 90er Jahren von Francine Shapiro entwickelt wurde, ist es, die Verarbeitung von Traumata oder Angstzuständen anzuregen und zu unterstützen. So findet die EMDR-Therapie inzwischen nicht nur bei chronischer und komplexer PTBS und akuter Traumatisierung, sondern unter anderem auch bei Schmerzstörungen, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen und Depressionen Anwendung.

Frau beim Therapeuten
© WavebreakMediaMicro / Fotolia

Definition: Was ist die EMDR-Therapie?

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ist eine junge, aber mittlerweile gut etablierte psychotherapeutische Methode. Die EMDR-Therapie wurde zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, besitzt jedoch ein weitaus größeres Potential.

Die Therapieform entstand aus einer zufälligen Beobachtung der entlastenden Wirkung horizontaler, sakkadischer Augenbewegungen durch die amerikanische Psychologin Francine Shapiro. Der Name „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ heißt wörtlich übersetzt „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Neuverarbeitung“ (von Information) und leitet sich von der gebräuchlichsten Stimulationsform, den geführten Augenbewegungen, ab.

In der EMDR-Therapie wird durch zweiseitige, abwechselnde Stimulation, meist geführte Augenbewegungen und damit doppelt fokussierter Aufmerksamkeit die Verarbeitung traumatisch erlebter, oder anderweitig nicht ausreichend verarbeiteter Erfahrungen, angeregt und unterstützt. Die Verarbeitung der dysfunktional gespeicherten Erinnerung, also Arbeit in der Vergangenheit, wird im Rahmen des sogenannten Standardprotokolls der EMDR-Therapie durch Arbeit an Auslösereizen und Modellierung von Verhalten, also in der Gegenwart und für die Zukunft ergänzt.

Arztsuche

Geschichte der EMDR-Therapie

Francine Shapiro berichtete 1989 über die zufällige Entdeckung der entlastenden Wirkung horizontaler Augenbewegungen. Sie leitete eine systematische Erprobung mit Versuchspersonen und danach Patienten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, ein. Bei den zu Beginn noch spärlichen Erfahrungen mit dem therapeutischen Prozess verstand die Verhaltenstherapeutin Shapiro den Effekt zuerst als eine durch Augenbewegungen unterstützte Desensibilisierung und benannte die Methode daher Eye Movement Desensitization (EMD).

Mit zunehmender Erfahrung wurde allerdings schnell deutlich, dass dieser therapeutische Prozess von einer anderen Qualität als reine Desensibilisierung ist. Die assoziative Art der Veränderung, das Auftauchen unbewussten Erinnerungsmaterials, die Wirkung auch auf andere Affekte neben der Angst, legten die Annahme nahe, dass es hier zu einer Nachverarbeitung, also einer Reprozessierung von Erinnerungen kommt. Konsequenterweise entwickelte Shapiro aus EMD die EMDR-Therapie.

Verschiedene Behandlungspläne und Techniken der EMDR-Therapie

Mittlerweile gehören verschiedene Behandlungspläne und Techniken in den therapeutischen Werkzeugkasten der EMDR-Therapie. Die Behandlungspläne geben Anweisungen für die Arbeit mit verschiedenen Störungsbildern und werden in der EMDR-Therapie ‚Protokoll‘ genannt.

Das Standardprotokoll der EMDR-Therapie ist der Behandlungsplan für die einfache posttraumatische Belastungsstörung und leitet den Therapeuten an, zuerst die alten traumatischen Erinnerungen des Patienten zu bearbeiten, um sich danach den gegenwärtigen traumabezogenen Problemen und zu guter Letzt der Zukunftsangst zuzuwenden. Es gibt mittlerweile Protokolle für eine Vielzahl psychischer Störungsbilder. In der Behandlung komplexer Störungsbilder ist die EMDR-Therapie oftmals in einen umfassenden Behandlungsplan eingebettet.

Vor- und Nachbereitung der EMDR-Therapie

Zur EMDR-Therapie gehören selbstverständlich eine gute Anamnese und Vorbereitung der Patienten. Dabei wird der Therapeut der Stabilisierung genügend Zeit einräumen. In der Stabilisierungsphase kommen oftmals EMDR-Techniken zum Aufbau positiven Materials, wie der ‚Kraftort‘, zum Einsatz. Auch gehört die Nachbesprechung einer EMDR-Therapiesitzung und der danach eingetretenen Veränderung zum normalen Ablauf einer Behandlung. Zentral ist jedoch die Bearbeitung von dysfunktional gespeicherter Erinnerung, die immer wieder in gleicher Weise abläuft.

Wie läuft die EMDR-Therapie ab?

Wenn die Entscheidung zur Bearbeitung dysfunktionalen Erinnerungsmaterials gefallen ist, wird der Therapeut den Patienten zuerst bei der Auswahl der zu bearbeitenden Erinnerung unterstützen. Danach unterstützt der Therapeut durch gezielte Fragen den Patienten, die Erinnerung in schonender Weise zu aktivieren.

Diese Vorbereitung erleichtert die folgende Verarbeitung der Erinnerung. In der nun folgenden Verarbeitungsphase bittet der Therapeut den Patienten, kurz auf die Erinnerung zu achten und dann mit den Augen den Fingern des Therapeuten zu folgen. Durch die schnellen Augenbewegungen wird sehr wahrscheinlich die Informationsverarbeitung des Gehirns aktiviert. Nach einer Serie von Augenbewegungen wird der Therapeut den Patienten um eine kurze Rückmeldung über das jetzt Wahrgenommene bitten und ihn dann auffordern, erneut den Fingern mit den Augen zu folgen. Dieser Wechsel wird solange wiederholt, bis die empfundene Belastung der Erinnerung abgeklungen ist.

Danach unterstützt der Therapeut den Patienten in der Verankerung eines positiven Gedankens, wobei wiederum Augenbewegungen zur Hilfe genommen werden. Am Ende der EMDR-Therapiesitzung prüft der Therapeut, ob der Patient die Sitzung mit einem guten Körpergefühl beenden kann und bespricht die in der Behandlung gemachte Erfahrung nach.

Eine Therapiesitzung kann bis zu 90 Minuten dauern und wird vom Patienten oftmals als anstrengend, aber auch befreiend empfunden. Nach einer Therapiesitzung sollten sich Patienten eine Möglichkeit zum Ausruhen einräumen. Zu Beginn der folgenden Sitzung wird der Therapeut nach Veränderungen seit der letzten Stunde fragen und danach mit dem Patienten das weitere Vorgehen festlegen.

Arztsuche

Standardprotokoll der EMDR-Therapie

Das Standardprotokoll der EMDR-Therapie skizziert einen Rahmen für die therapeutische Arbeit. Die Anwendung der EMDR-Therapie erfordert immer die Arbeit in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Im Bereich Vergangenheit werden die dysfunktional gespeicherten Erinnerungen reprozessiert. In der Gegenwart sind posttraumatische Albträume, Verhaltensstörungen und Auslösereize (Trigger) Ansatzpunkte für die EMDR-Therapie. Die Arbeit im Bereich der Zukunft dient der Veränderung des Vermeidungsverhaltens und der Entwicklung von Verhaltensalternativen.

Jeweils wird dysfunktional gespeicherte, unverarbeitete Information zum Ziel der EMDR-Therapie, die bekanntlich eine Nachverarbeitung der falsch angepassten Erinnerung anstrebt. Wie schon eingangs gesagt, ist eine Verbindung zwischen der ursprünglichen Erfahrung bzw. Erinnerung und der Symptomatik Voraussetzung für eine erfolgreiche EMDR-Therapie. Diese Verbindung ist nicht immer leicht zu erkennen, so dass auch der hypothesengeleitete Versuch möglich ist.

Die dysfunktional gespeicherte Erinnerung kann beispielsweise die Erinnerung an eine traumatische Erfahrung, ein Schmerzgedächtnis, ein Suchtgedächtnis, ein Angstgedächtnis oder Erinnerungen aus dem Netzwerk depressiver Erfahrung des chronisch depressiven Patienten sein. Der Ansatzpunkt ist flexibel wählbar. Letztlich ist die Behandlung mit der EMDR-Therapie immer durch den Zusammenhang zwischen ursprünglicher Erfahrung und Symptomatik sowie durch den Wechsel von Fokussierung und Stimulation gekennzeichnet.

Wo hilft die EMDR-Therapie? – Indikationen und Kontraindikationen

Die EMDR-Therapie kann als eine gut untersuchte Therapie zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung gelten. Für die Bundesrepublik Deutschland ist die Anerkennung durch den wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als evidenzbasierte Behandlungsmethode für die PTBS bei Erwachsenen wichtig. Die Anerkennung für die Behandlung der PTBS bei Kindern- und Jugendlichen steht noch aus.

Die EMDR-Therapie findet bei chronischer und komplexer PTBS, wie auch akuter Traumatisierung Anwendung. Veröffentlichungen legen zudem eine Wirkung bei Schmerzstörungen, Angststörungen, stoffgebundener Abhängigkeit und rezidivierender Depression nahe. Eine Veröffentlichung berichtet über positive Ergebnisse bei Patienten mit Psychosen des schizophrenen Formenkreises.

Voraussetzung für eine Behandlung mit der EMDR-Therapie ist

  • ausreichende reale Sicherheit
  • ausreichende körperliche, soziale und psychische Stabilität
  • ausreichende Affekttoleranz

Akute Suizidalität, unkontrollierter Drogenkonsum, massives selbstverletzendes Verhalten und eine akute Psychose sind Gegenanzeigen für eine EMDR-Therapie. Letztlich ist die Abklärung im Gespräch mit einem gut ausgebildeten Therapeuten notwendig.

Kern der EMDR-Therapie – Fokussieren und Stimulieren

Neben der zentralen Arbeit an nicht ausreichend verarbeiteter Erinnerung bietet die EMDR-Therapie auch Techniken zur Ressourcenstärkung wie die Absorptionstechnik oder Position of Power (Kraftort) an.

Dabei kommen zwei Elemente immer zur Anwendung: Fokussierung und Stimulation. Ob der Therapeut dem Patienten hilft, eine Ressource zu fokussieren oder anleitet, eine belastende Erinnerung genau zu betrachten – immer geht es um eine Fokussierung des Materials. Danach wird der Therapeut den Patienten bitten, den Fingern des Therapeuten mit Augen zu folgen. Der Therapeut nimmt nun die bilaterale Stimulation, meist durch Augenbewegungen, hinzu. Wenn sich auch die Art der Stimulation zum Beispiel in der Geschwindigkeit unterscheidet, so bleibt doch das Grundprinzip gleich: Die EMDR-Therapie ist gekennzeichnet durch Fokussierung von Erinnerungsmaterial und bilaterale alternierende Stimulation.

Das zentrale Element der EMDR-Therapie – Verarbeiten

Um die Beobachtungen in der klinischen Anwendung der EMDR-Therapie zu integrieren, griff Shapiro auf Ideen aus der Informations- und Netzwerktheorie zurück. Psychopathologie kann hier als Ausdruck einer beeinträchtigten Informationsverarbeitung früherer Erfahrung verstanden werden. Die daraus folgende Erkrankung ist somit eine Reaktion auf eine Erfahrung. Der therapeutische Zugang ist folgerichtig die Nachverarbeitung der fehlangepassten gespeicherten Information. Der Königsweg ist hier die Verarbeitung im EMDR-Prozess. In dem so unterstützten Prozess der Informationsverarbeitung kann eine beschleunigte Nachverarbeitung der maladaptiven, fragmentierten Erinnerung stattfinden.

Die Erinnerung verliert ihren wiederkehrenden und affektgeladenen Charakter und kann zu einer ‚normalen’ Erinnerung an ein schlimmes Ereignis werden. Damit ist häufig eine Reduktion der Symptomatik verbunden. Grundlage dieser Annahme ist, dass eine maladaptive, nicht verarbeitete Erinnerung – mit dem in ihr liegenden Affekt – Motor der Psychopathologie ist. Dabei postuliert Shapiro, dass im Menschen ein adaptives Informationsverarbeitungssystem (AIP) vorhanden sei, das unter normalen Umständen belastende Erfahrung verarbeitet. Dies bedeutet Anpassung, Entwicklung, Lernen und Homöostase (Beibehaltung des stabilen Zustands). Unter bestimmten Umständen kommt diese Fähigkeit zum Erliegen, so dass die Erinnerung in der rohen, affektgeladenen Form weiterbesteht.

Arztsuche

Erkenntnisse zur EMDR-Therapie

In der EMDR-Therapie dienen die Interventionen des Therapeuten dazu, das Informationsverarbeitungssystem zu aktivieren und in einer dynamischen Form zu halten. Dann gelingt die Verarbeitung. Dabei wird der Veränderung des Affekts eine besondere Bedeutung beigemessen. Erst nach Verarbeitung des originären Affekts kann ein Anschluss an Netzwerke mit positivem Inhalt gelingen, der für die Eingliederung in unser übriges Wissen notwendig ist.

Aktuell durchgeführte EEG-Ableitungen während einer Therapiesitzung scheinen die Informationsverabeitungshypothese zu stützen. Verschiedene Untersuchungen zeigen nach einer Behandlung mit der EMDR-Therapie eine tiefgreifende Normalisierung des PTBS-Patienten auf hormoneller und neurophysiologischer Ebene. Eine Behandlung mit der EMDR-Therapie scheint geeignet zu sein, die tief im Körper liegenden Spuren des Traumas zu beeinflussen.

Wie finde ich eine EMDR-Therapeutin bzw. Therapeuten?

Die EMDR-Therapie ist eine sehr wirksame Methode. Es bedarf aber einer präzisen Anwendung, Erfahrung in der Psychotherapie und Erfahrung im Umgang mit der Methode. Daher werden in Deutschland nur Therapeuten in dieser Therapiemethode ausgebildet, die schon eine Ausbildung in einer anerkannten Psychotherapie abgeschlossen haben oder sich in einer Ausbildung befinden.

Die Qualität der Ausbildung in der EMDR-Therapie wird durch die nationale Fachgesellschaft EMDRIA Deutschland e.V. und die europäische Fachgesellschaft EMDREA kontrolliert. Die Qualität der Therapeuten ist durch einen Zertifizierungsprozess der Fachgesellschaft gesichert. Wenn ein Therapeut das Zertifikat ‚EMDR-Therapeut EMDRIA Deutschland‘ führt, hat er einen kontrollierten Ausbildungsgang bei einem anerkannten Ausbildungsinstitut mit Selbsterfahrung und Supervision durchlaufen. EMDRIA Deutschland bietet auf der Webseite www.emdria.de eine Therapeutensuchfunktion und eine Liste anerkannter Ausbildungsinstitute an.

Autoren:
Dr. med. Michael Hase